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Paulus Hochgatterer: Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen.

Erzählung.
Wien, Frankfurt am Main: Deuticke, 2003.
112 S.; geb.; Eur[A] 14,90.
ISBN 3-216-30676-3.

Link zur Leseprobe

Hochgatterers kurze Erzählung kauert sich in den Schlagschatten historischer Ereignisse. Nach den Bilderfluten der einstürzenden New Yorker Zwillingstürme und den Kriegen, die dieser 11. September 2001 herauf beschworen hat, scheint der Ausflug dreier Hobbyfischer, der zeitgleich stattfindet, ein unmögliches, ja fast blasphemisches Thema für eine Geschichte.

Doch erstaunlicherweise behauptet sich dieser kleine Tag am Rande der Katastrophe. Die Farben, in die er getaucht ist, wirken vielleicht ein wenig düsterer als sonst und die geistreichen Wortgeplänkel und Sticheleien dreier nicht mehr ganz junger Herren, die diesen Tag gemeinsam beim Fliegenfischen verbringen wollen, erhalten eine unnatürlich verletzende Schärfe.

Am Morgen des 11. September erwacht jedoch zuerst einmal nichts weiter als eine klassische Männerfantasie in einer Autobahnraststätte, denn nachdem die Freizeitangler von einem jungen Mädchen mit Igelfrisur und transparenter Bluse bedient wurden, beschwören sie es mit ausschweifender Imaginationskraft immer wieder herauf. Da die drei von Beruf Psychoanalytiker und Psychiater sind, schälen sich die Bilder mit routinierter Präzision aus ihren Köpfen. Da ist einmal der "Ire", zwei Meter groß mit rotem Bart und angeblich irischer Großmutter, dann Julian mit einem halbsteifen Knie und Mesmer, der Ich-Erzähler, ein "Abbildungsneurotiker ohne Kamera", sagt er selbst.

Nachdem die drei ihr Ziel, den Fluss, erreicht haben, angelt erst einmal jeder für sich. Der mächtige Ire fischt konzentriert und routiniert, mit gebündelter Leidenschaft. Für ihn ist Fischen eine rein sportliche Angelegenheit. Vorsichtig löst er die Widerhaken aus den klaffenden Fischmäulern und wirft die gefangenen Tiere wieder zurück ins Wasser. Julian andererseits will verbissen ehrgeizig immer den größten Fisch fangen und Mesmer? Der fängt nichts, er erträumt sich statt dessen eine kitschschöne Romanze mit dem igelstacheligen Mädchen.

Doch unter die schwebend leichten Bilder mischen sich auch janusköpfige Gewaltfantasien, da kriechen sexuelle Obsessionen unter dem Ufergebüsch hervor und hässliche, gequälte Momentaufnahmen aus dem Spitalsalltag Mesmers. Auch Julian kann sich seiner Tagträume nicht erwehren. Zum wer weiß wievielten Mal springt er einem intriganten Arbeitskollegen, der Jarpin heißt und eigentlich Jago heißen müsste, an die Gurgel, weil er es in der Wirklichkeit nicht tun darf.

Das Geschehen spitzt sich zu, als Julian einen Prachtfisch, einen seltenen Seesaibling, an der Angel hat. Da fallen grelle Schlaglichter auf die drei Charaktere.
Der baumlange Ire, das Alphatierchen in der Gruppe, will den herrlichen Fisch am Leben lassen. Julian aber, ewig dem Leben nachhinkend und notorisch eifersüchtig, tötet den Saibling mit einem Stahlhämmerchen. Mesmer blinzelt bloß mit den Augen, auch als sich der der Ire auf den Frevler stürzt, der mit verkrüppelten Bocksprüngen davon springt. Julian fällt auf der Flucht in großblättrigen giftigen Bärenklau, der ihm seine gerechte Strafe brandwundig ins Gesicht und an die Hände ätzt.

Hochgatterer gelingt eine wunderbare Miniatur, vielleicht so schön wie der Seesaibling, der in der Geschichte sein Leben lassen muss. Er balanciert seine drei Figuren in einer komplizierten Schwebe, drängt sie nahe an ihre Abgründe. Doch kurz bevor er sie fallen lässt, fängt er sie gerade noch rechtzeitig auf. Vieles in der Erzählung bleibt dabei Andeutung, ist bloßes Hintupfen an wunde Stellen und am Ende vom Tag? ... steht nicht mehr und nicht weniger als eine wunderbare Geschichte.
Eine Anmerkung noch zum Schluss: Auch wenn man keine Ahnung vom Fliegenfischen hat und es einen ganz und gar nicht interessiert, ist es eine wahre Freude, Hochgatterer dabei zuzuschauen, wie er eine Goldkopfnymphe oder eine Mrs. Simpson an die Angel knüpft.

Anne Zauner
10. Februar 2004

Originalbeitrag

 

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