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Karin Ivancsics: Süss oder scharf.

Ein Tag im Leben einer Taugenichtsin.
Weitra: Bibliothek der Provinz, 2006.
144 S.; geb.; Eur[A] 18,-.
ISBN 3-85252-675-2.

Link zur Leseprobe

Dass sich die Gegenwartsliteratur (nicht nur in Österreich) kritisch mit den Veränderungen der Gesellschaft auseinander setzt, dürfte sich inzwischen selbst unter den weniger Belesenen herumgesprochen haben. Karin Ivancsics' Erzählung Süss oder scharf fällt in diese Kategorie von Texten und erinnert uns einmal mehr daran, was sich in dem einst als Insel der Seligen gepriesenen Land verändert hat. Wien als Schauplatz der Handlung erweist sich dabei als Spiegel und Paradigma eines im Umbruch befindlichen Europas. Gängige Embleme wie Fremdenfeindlichkeit, Beschäftigungslosigkeit, Digitalisierung und Ich-Inszenierung werden von der Autorin geschickt eingesetzt, um die Befindlichkeit der Generation Golf aufs Korn zu nehmen.

Im Mittelpunkt ihrer Satire steht die jugendlich-burschikose Dreißigerin Iris, die so ganz und gar nicht zu ihren erfolgreichen, oberflächlichen Freunden passen will: "Keine Ersparnisse, kein Auto, keinen Job, keinen Freund, keine Kinder, alles, was ich mein eigen nennen darf, ist eine Mietwohnung, aus der sie mich nicht so schnell hinauswerfen können."
Es ist der Ironie der Ereignisse zuzuschreiben, dass sie sich eines Tages vor der verschlossenen Wohnungstür befindet, weil sie sich ausgesperrt hat. Da der Schlüsseldienst auf sich warten lässt, ist sie gezwungen, sich einen Tag und eine Nacht als Obdachlose um die Ohren zu schlagen.
Auf Irrwegen durch die Wiener Lokal- und Partyszene landet sie schließlich bei der Schauspielerin Marianne, die sie bei sich aufnimmt. Hinter der rätselhaften Person verbirgt sich eine Frau mit Vergangenheit, von der sich Iris fasziniert zeigt. So zeichnet sich am Ende eines an Wechselfällen und Einsichten reichen Tages schließlich die Möglichkeit einer tiefen Freundschaft ab.

Süss oder scharf figuriert als moderne Version von Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts, vermag indessen trotz der heiteren Inszenierung nicht den ernsten Grundton zu verbergen. Das romantische Ideal freien, ungezwungenen Wanderlebens mutiert in Ivancsics' Prosa zu einem gesellschaftlichen Versteckspiel, in dem die Antiheldin bald unter Rechtfertigungsdruck gerät. Iris gelingt es nämlich nicht, den tüchtigen, beziehungswilligen Yuppies aus dem Bekanntenkreis ihren völligen Mangel an Ambitionen plausibel zu machen. Statt am kollektiven Wettlauf um Statussymbole und Liebe teilzunehmen, begnügt sie sich damit, in den Tag hineinzuträumen, der trotz knapper Kasse Behaglichkeit und Zufriedenheit verspricht.

Wo die Ideale und Werte des Kapitalismus bis zum Überdruss eingeschärft worden sind und die Opfer, die es zu bringen gilt, immer größer werden, macht sich freilich Unbehagen breit. Begriffe wie "downshifting" oder "neue Bescheidenheit" bezeichnen (gewiss nicht ohne einen Anflug von Zynismus) jenen Zustand, in dem Iris die passende Lebensform gefunden hat. Das offene Ende der Geschichte unterstreicht dabei nicht das Scheitern der Protagonistin, sondern vielmehr den Umstand, dass auch die Literatur keine Patentrezepte zur Daseinsbewältigung zu bieten hat. Dies gilt auch für Karin Ivancsics' jüngste Buchpublikation, der indessen das Verdienst zukommt, scharfsinnig und amüsant auf den Zeitgeist zu reagieren. Man braucht übrigens kein Sozialschmarotzer zu sein, um sich in Süss oder scharf wieder zu erkennen.

Walter Wagner
1. März 2006

Originalbeitrag
Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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