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Manfred Chobot: Reise nach Unterkralowitz.

Roman.
Hohenems: Limbus, 2009.
184 S.; geb., Euro 18,90 [A/D].
ISBN: 978-3-902534-29-3.

Link zur Leseprobe

Für jeden Autor, scheint es, ist irgendwann die Zeit reif, den Blick in die eigene Vergangenheit schweifen zu lassen, um sich selbst zum Protagonisten oder mindestens involvierten Chronisten aufzuschwingen, der aus dem breiten Spektrum des Erlebten auswählt, ordnet und implizit Sinn stiftet. Die solcherart vorgenommene 'Lektüre' der eigenen Lebensgeschichte mag dann als Autobiografie oder Roman klassifiziert werden, je nachdem wie hoch der Verfasser den Grad der Authentizität oder Fiktionalität veranschlagt. Chobots romaneskes Familienpanorama suggeriert jedenfalls frappierende Übereinstimmungen zwischen dem Ich-Erzähler und dem Autor, entgeht allerdings der für dieses Genre typischen Selbstverliebtheit, indem es mehr als hundert Jahre hinter die Erzählgegenwart zurückführt und dem Ich insgesamt eine untergeordnete Position zuweist. Am Beginn der Ahnenreihe taucht der im Böhmischen geborene Urgroßvater des Erzählers auf, der sich in Wien niederlässt, zunächst als Schuster verdingt und kurz vor der Jahrhundertwende eine Gemischtwarenhandlung gründet. Dass er die aus Unterkralowitz gebürtige Katharina Chudy schwängert, bildet den Auftakt einer durchaus wechselvollen österreichischen Geschichte, in deren Zentrum ein Großvater und zwei Weltkriege stehen. "Ich hätte Großvater gern zum Vater gehabt", erwähnt der Erzähler wie beiläufig – ein Wunsch, der im Kontext verständlich wird, verkörpert doch der Vorfahre mit dem tschechischen Familiennamen Chudy die schillerndste Figur des Romans. Im Sog der aufkeimenden Arbeiterbewegung gibt er sich sozialreformerisch, interessiert sich für Darwin und Haeckel und trifft sich mit Freunden, die wie er sozialistisch-subversiv an die Möglichkeit einer gerechteren und mithin idealen Gesellschaft glauben. Der Erste Weltkrieg macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Der Großvater wird eingezogen und gerät in russische Kriegsgefangenschaft, wo ihn der Typhus dahinrafft.

Chobot rekonstruiert diese sympathische Figur nicht nur kraft seiner schriftstellerischen Intuition, sondern greift, das Gesagte quasi beglaubigend, auch auf das Kriegstagebuch, Feldpostkarten und diverse hinterlassene Dokumente des Franz Chudy zurück, die in den Text montiert werden. Abrupte szenische Schnitte samt Rückblenden, häufigen Schauplatz- und Perspektivenwechseln lassen zudem Anleihen aus der Filmsprache erkennen und weisen den Autor als versierten Prosaisten aus.

Der formale Reichtum der Reise nach Unterkralowitz konkurriert mit dem dichten familiären Bilderbogen, aus dem die Männer schärfer als ihre Partnerinnen hervortreten. Da die Mutter ihre Zeit im Geschäft verbringt, übernehmen Kindermädchen die Erziehung des Sohnes. Ihr kommt der Part der Abwesenden zu, über die der Erzähler später befindet: "Mutters Zuneigung war in Zahlen messbar, denen das Wort 'Schilling' nachgestellt wurde." Ist sie zu Hause, zankt sie sich mit ihrem Gatten und verlässt danach die Wohnung. Der emotional vernachlässigte Sohn verbündet sich mit dem Vater, dessen Rolle zur Zeit der Naziherrschaft in den Vordergrund rückt. Ohne je in die Partei eingetreten zu sein, gelingt es ihm, "der immer mitgeschwommen im Strom" ist, unter Hitlers Diktatur Karriere zu machen, sodass er zunächst sogar in den Status der Unabkömmlichkeit gelangt. Auf Betreiben eines intriganten Kollegen muss er dann doch in den Krieg ziehen. Die von seinem Vater im Ersten Weltkrieg erlittenen Entbehrungen bleiben ihm erspart, ja seine Frau stattet dem in Sopron stationierten Wehrmann sogar einen heimlichen Besuch ab.

Dieser weit ausholende Familienroman enthüllt mitunter neurotisierende Erlebnisse, die den besten Nährboden für eine spätere schriftstellerische oder künstlerische Laufbahn bieten. Der zu leistende Preis darf freilich nicht unterschätzt werden: "Die Angst neurotisch oder schizophren zu sein begleitete das pubertierende Kind, erblich belastet zu sein, bis es erwachsen war."

Gleichwohl schickt sich der um Normalität ringende Ich-Erzähler nicht in die Zwangsläufigkeit familiärer Beeinträchtigung, sondern findet einen Ausweg aus der genealogischen Verklammerung. Wider alle Zweifel – Zweifel vor allem vonseiten der Eltern, die dem schriftstellernden Sohn diese Rolle nicht zutrauen –, entschließt er sich, Vater zu werden ...

Noch aber sind wir nicht ans Ende der autobiografischen Reise gelangt. Das Jahr 1982 markiert ironisch lächelnd den biografischen Wendepunkt in diesem Buch der Väter und Söhne. Als siebenundzwanzig Jahre nach Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrages in Wien die erste "Gesamtösterreichische Friedensdemonstration" stattfindet, wirkt der Ich-Erzähler als "Künstler für den Frieden" mit. Damit gelingt dem Nachkommen eine posthume Revanche, die zugleich eine anrührende Hommage darstellt an jenen Franz Josef Chudy, geboren 1882 in Wien, krepiert 1916 nahe der chinesischen Grenze, den wahren Helden dieser Geschichte.

Walter Wagner
3. Mai 2010

Originalbeitrag

Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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