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Es gab eine Zeit. Über Leben und Werk von Richard Berczeller.

Oberwart: Edition lex liszt 12;
Literaturhaus Mattersburg 2011.
(Hörarchiv Burgenland).
Sprecher: Georg Kusztrich.
1 CD; Dauer: 54 Min.
ISBN 978-3-901757-97-6.

„Es gab eine Zeit“ ist eine akkustische Biographie mit anthologisch aneinander gefügten Hörbeispielen: Auszüge aus Interviews, Gespräche, Lesungen, Erinnerungstexte und Schilderungen von Zeitgenossen, von seinem Sohnes Peter Berczeller oder dem Journalisten Joachim Riedl, der Berczeller in den 1980er Jahren in New York kennen lernte (Track 2).

Richard Berczeller wurde am 4. Februar 1902 als Sohn jüdischer Eltern in Sopron/Ödenburg geboren, sein Vater war hier Arzt und sozialdemokratischer Politiker; nach dem Sturz der Räteregierung floh die Familie ins Burgenland, nach Mattersdorf, das ab 1924 Mattersburg hieß. Der Vater arbeitete viele Jahre lang als Arzt der großen jüdischen Gemeinde von Mattersburg und war Ansprechperson vor allem für alle sozial Schwachen. Auch Sohn Richard studiert Medizin in Wien und wird in den 1930er Jahren ebenfalls Arzt in Mattersburg – seine Filmkarriere als Schauspieler bei der Sascha Film – etwa beim Historienfilm „Sodom und Gomorrha“ (1922) – setzte er nicht fort; 1983/84 wurde Berczeller beim österreichischen Filmfestival in New York erstmals als Schauspieler präsentiert. (Track 13)

Im März 1938 verliert er den Vertrag mit der Landeskrankenkasse, wird kurz verhaftet; mit Hilfe einer Großtante, der ehemaligen Privatsekretärin von Sigmund Freund, gelingt ihm die Flucht nach Paris, wo er keine Arbeitsgenehmigung bekommt. Er geht mit Familien in den Kolonialdienst an der Elfenbeinküste, bis er an TBC erkrankt. Diese Geschichten erzählt der Sohn Peter Berczeller sehr lebendig und aus seinem damaligen Erleben, (Track 8 und 9), und er erinnert sich auch, wie sein Vater zunächst die Ausreise nach Amerika mit dem so stolzen wie tragischen „Wir sind Europäer“ ablehnte. Erst 1941 gelingt dann die Ausreise nach New York doch noch, drei Jahre später legt er das amerikanische Arztexamen ab. Die schwierige Phase der Akkulturation und vor allem des Spracherwerbs in den Anfangsjahren in New York, hat Berczeller in seiner Autobiographie „Die sieben Leben des Doktor B.“ (dt. 1965) beschrieben.

Später eröffnet er eine Praxis in Manhatten und arbeitet als Schularzt. Anfang der 1960er begann Berczeller zu schreiben, zuerst auf englisch; zehn seiner Erzählungen erschienen zwischen 1963 und 1974 im „New Yorker“: alle seine Geschichten und Berichte erzählen von Erlebnissen vor dem Zweiten Weltkrieg; 1971 erschien „Time was“ (dt. „Verweht“,1983) über das Alltagsleben der jüdischen Gemeinde in Mattersburg vor dem Holocaust.

Nach 1945 war Berczeller einer der wenigen Emigranten, den vom offiziellen Österreich ein Rückkehrangebot erreichte, ein Posten in der burgenländischen Gesundheitspolitik wurde ihm angeboten, doch er lehnt ab. Den Kontakt hält er gleichwohl aufrecht. Immer wieder kommt er zu Besuchen nach Österreich. Als die Mattersburger Musiklehrerin und Dichterin Mida Huber 90-jährig brieflichen Kontakt mit ihm aufnimmt, kommt es zur Wiederbegnung; als Hommage nimmt Berczeller in seinen Band „Verweht“ ihr Gedicht „Armer Spielmann“ auf. Der Ausschnitt aus einem Hörfunk-Gespräch der beiden (Track 11) ist so berührend wie schräg, Mida Huber ist von der Situation sichtlich überwältigt, und Berczeller lässt sie kaum zu Wort kommen.

Gemeinsam mit Norbert Leser publizierte Berczeller 1977 den Band „Als Zaungäster der Politik“ über politische Akteure der Zwischenkriegszeit, zwei Jahre zuvor war bereits der Band „mit Österreich verbunden. Burgenlandschicksal 1918-1945“ erschienen. Eine der Hommagen darin gilt dem christlichsozialen Mattersburger Bürgermeister Michael Koch, den Berczeller als Symbol des raubeinigen aber aufrechten und charakterstarken Konservativen zeichnet. Vor 1938, so ist der Eindruck der Erzählung (Track 12), hat es in Mattersburg keinerlei Anzeichen einer politischen Radikalisierung gegeben.

Als Berczeller im März 1994 totkrank daniederliegt, inszeniert sein Sohn Peter einen Telefonanruf von Fred Sinowatz, der dem Emigranten Richard Berczeller offiziell den Dank der Republik für sein Lebenswerk ausspricht (Track 14). Die „papierne Brücke“ in die Vergangenheit, die sich Richard Berczeller mit seinen chronikalen Erzählungen voll Humor und Melancholie errichtete – diese „komischen Geschichten über Mattersburg“ (Track 1) –, blieben eine labile Verbindung zu seinem Vaterland, das ihn und seine Familie vertrieben hatte.

„Es gab eine Zeit“ ist eine liebevolle Erinnerung an den einstigen Mattersburger Bürger und Arzt; dass die Verbindungen der Hörstücke und zum Teil auch ihre Präsentationsform ein wenig holpern, auf Professionalität gleichsam bewusst verzichten, muss man in diesem Fall nicht als Manko sehen – es macht das Ergebnis durchaus sympathisch.


Evelyne Polt-Heinzl
September 2011





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