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Arthur Schnitzler: Träume. Das Traumtagebuch 1875-1931.

Hg.: Peter Michael Braunwarth, Leo A. Lensing.
Göttingen: Wallstein 2012.
493 S.; geb.; m. Abb.; Eur(A) 35,90.
ISBN: 978-3-8353-1029-2.

428 Seiten umfasst das Typoskript mit dem Titel „Träume“, das in Schnitzlers Teilnachlass im Deutschen Literaturarchiv Marbach erhalten ist. Es sind Exzerpte aus seinem umfangreichen Tagebuch-Werk – das in der Edition der Österreichischen Akademie der Wissenschaften seit 2000 in zehn Bänden vorliegt und zum 150. Geburtstag des Autors zum Sonderpreis von 199 Euro erhältlich ist. Peter Michael Braunwarth, Mitarbeiter und langjähriges Mastermind dieser Edition, und Leo A. Lensing legen nun zum Jubiläumsjahr dieses Typoskript in einer Form vor, die den Vorzug einer Leseausgabe mit den Ansprüchen einer wissenschaftlichen Edition vereint. Denn was Schnitzler in den Jahren 1921 bis 1931 seiner Sekretärin Frieda Pollak aus dem Tagebuch in die Maschine diktierte, ist mit den ursprünglichen Niederschriften nicht in allem ident. Einiges mag er beim Durchblättern übersehen, einiges nicht mehr ganz richtig entziffert haben, manches hat er vielleicht bewusst weggelassen und anderes gezielt modifiziert. Die Ausgabe macht alle diese Abweichungen sichtbar: Aus dem Tagebuch ergänzte Träume oder Einschübe sind in einer anderen Schrift gesetzt und substantielle Abweichungen von der Tagebuchversion werden in den Anmerkungen nachgewiesen, die auch in vorbildlicher Weise nützliche Handreichungen und Hintergrundinformationen zu den eingespielten Personen und Ereignissen liefern.

Man kann die Lektüre des Bandes mit dem informativen Nachwort beginnen, das die unterschiedlich aktiven Phasen von Schnitzlers Traumtätigkeit herausarbeitet – sei es im Gefolge von Sigmund Freuds „Traumdeutung“, die Schnitzler bereits kurz nach Erscheinen rezipierte, oder der Lektüre von Friedrich Hebbels Tagebüchern –, und dabei vieles über Leben und Werk Schnitzlers erzählt. Man kann sich aber auch unmittelbar auf die Traumprotokolle einlassen und wird eine überraschend kurzweilige Lektüre vorfinden, die viele spannende Koinzidenzen sichtbar macht. So scheinen sich etwa Schnitzlers Vater-Träume während aller Aufenthalte in Aussee auffällig zu häufen. Das ist auch während des Ersten Weltkriegs so, der generell überraschend blasse Traum-Spuren hinterlässt, etwa ein versenktes Kriegsschiff mit Namen „Geronimo“ (S. 83). Näher sind dem träumenden Schnitzler auch in Kriegszeiten seine eigenen Versagensängste. „Ein Buch von mir […] in 7000 Exemplaren erschienen, verkauft. Ich bringe Fischer freudig in die Trafik, wo es verkauft wird, um ihn zu Neuauflagen zu veranlassen, er folgt etwas zögernd, es zeigt sich, dass noch 3500 Exemplare da sind. Ich bin blamiert“ (S. 77), heißt es in einem Traumprotokoll vom 25. Dezember 1914.

Sehr aussagekräftig sind auch jene Träume, die seine eigene Verortung in der Literarhistorie betreffen. „Dort auf dem Stiegenabsatz an einem Tisch ein Herr, Grillparzer? Ich soll meinen Namen schreiben, kann's nicht recht. Nun schreibt er ihn reinlich nieder und sagt ungefähr: Hiemit bleibt es beschlossen.“ (3. September 1903, S. 32). Fast genau zehn Jahre zuvor, am 7. September 1893: „Bin in einer Gesellschaft mit Goethe, der klein, unansehnlich, dem Hanslick ähnlich ist. Ich, im Schillermantel, biete ihm die Hand.“ (S. 17). Im Tagebuch hieß es noch: „küsse ihm die Hand“. Und zehn Jahre nach der Traumvision von der Beglaubigung durch Grillparzer, am 25. Mai 1913, träumt er von einem tollwütigen Hund gebissen worden zu sein und sich deshalb erschießen zu wollen. „In der Zeitung wird stehen: 'Wie ein Grösserer (Raimund) vor ihm', was mich ärgert.“ (S. 63) Am 15. Jänner 1919 träumt er von einem Besuch der verstorbenen Marie von Ebner-Eschenbach, die sagt, „wir sehen uns doch wohl das letzte Mal. Ich bin zu Tränen gerührt, will sie trösten, nehme sie auf den Schoss, sie ist puppenhaft klein, sieht aus wie ein Säugling mit Haube auf dem Kopf“. Das Bild scheint eine Überlappung von zwei Karikaturen zu sein: Bertha von Suttner als Nurse mit einem Friedensengel als mageres Baby auf dem Arm, und Theodor Zasches Karikatur im Ballkalender der Wiener „Concordia“ von 1897, sie zeigt Hermann Bahr als männliche Nurse mit Schnitzler und Hofmannsthal in einem gemeinsamen Wickelkissen im Arm.

Häufig fügt Schnitzler seinen Träumen selbst Deutungen an, denen man durchaus misstrauen darf. Am 27. September 1891 lässt er im Traum ein Theater bauen, „und es ist mir immer zu gross. Ich lasse Ziegel auf Ziegel wegnehmen, endlich wie ich hineinwill, habe ich keinen Platz. Ich lasse den Operngucker draussen, es hilft nichts.“ Das führt Schnitzler auf ein Gespräch über Flohtheater zurück; wahrscheinlicher scheint da doch ein Zusammenhang mit dem Ringen um die „Anatol“-Einakter und deren Publikation bzw. Aufführung; als erste Inszenierung erlebte Schnitzler am 13. Mai 1891 jene von „Abenteuer seines Lebens“.

Freilich finden sich in den Träumen auch Bezüge auf zeithistorische Ereignisse. In „der Nacht nach der Proklamierung der Republik“ (S. 116) träumt Schnitzler von Proben zum „Medardus“. Am 4. Jänner 1919 erlebt er die Revolution noch einmal im Traum im Café Europe: „Eine Art Chef grüsst mich bekannt, draussen erhebt sich ein Sturmwind. Es ist Revolution, Menschen flüchten sich ins Café, ich sehe draussen den Platz wie leergefegt in einem grauen Licht, wundere mich, dass die Leute Angst haben und verlasse das Café.“ (S. 121). Und wenige Tage nach dem Justizpalastbrand am 15. Juli 1927 sieht er im Traum „Kanzler Seipel zu Füssen meines Bettes. (Feister und renaissancehafter als in Wirklichkeit.)“ (S. 236) Auch der Vater betritt die Szene und mit den Gesprächen über Gott und Seele indirekt auch „Professor Bernhardi“. Eine andere Verbindung stellt Schnitzlers Kommentar her: „Seipel als seinerzeitiger Redner gegen 'Reigen', jetzt im Parlament gegen die Sozialdemokratie etc.“ (S. 236). Damit ist Schnitzler auch treffsicherer in seiner Analyse als Karl Kraus, der die blasse Figur des Polizeipräsidenten Johannes Schober zur Zielscheibe seiner Attacken machte, wohingegen sich Schnitzler über die Verantwortlichkeit von Bundeskanzler Ignaz Seipel im Klaren ist. Während der „Reigen“-Proben in Wien träumt Schnitzler einen jener von Freud analysierten Träume defizienter oder inadäquater Bekleidung; diesfalls fehlt dem Träumenden der Rock (an dem Freud sein Beispiel mit der Metonymie „des Kaisers Rock“ auch exemplifizierte). Besorglich, wie er ohne Rock nach Hause kommen soll, fällt ihm plötzlich ein, „da ich nun so viel Geld mit dem 'Reigen' verdiene, kann ich mir leicht einen neuen Winterrock kaufen“ (S. 147). Nach den antisemitischen Krawallen bei der Wiener Aufführung am 16. Februar 1921 wird Schnitzler weitere Inszenierungen verbieten, die erwarteten Einkünfte blieben also fiktiv. Sein Mitgefühl für alle Opfer vergleichbarer antisemitischer wie antidemokratischer Kampagnen lässt ihn am 17. Juli 1930, nach den Krawallen rund um Remarques Antikriegsfilm „Im Westen nichts Neues“ in Deutschland von seiner Solidarität mit Remarque träumen (S. 259). Die Ausschreitungen in Österreich, wo der Film im Dezember 1930 anlief, standen da erst bevor – mit dem Höhepunkt im Jänner 1931, als Demonstranten versuchten, das Schwedenkino in Brand zu stecken.

Häufig kragen in Schnitzlers Träume die Figuren seiner Werke hinein, besonders intensiv vielleicht Fräulein Else, aber auch zahlreiche andere Figuren und Konstellationen finden sich immer wieder. Am 11. November 1921 notiert er: „Träume neulich, dass ich vorschlage einen Allerseelentag für mythische und Dichtergestalten einzuführen, die nie gelebt haben.“ (S. 153) Was seine eigenen literarischen Figuren betrifft, hat ihnen Schnitzler in seinen Träumen einen würdigen Gedenkraum eingerichtet.

(red) 7. Mai 2012


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