"Gained in Translation - Übersetzen als Mehrwert-Schöpfung"

ERICH FRIED TAGE 2007
"Mit den Worten des Anderen"
22. bis 25. November 2007


Statement von
Christa Schuenke

Podium 3 "Das Übersetzen großer Dichtungen ist unmöglich und sehr nützlich" (Erich Fried)

Schon Friedrich Schlegel klagte 1797: "Wir wissen eigentlich noch gar nicht, was eine Uebersetzung eigentlich sey." Die doppelte Eigentlichkeit lässt aufhorchen und bringt uns zu Bewusstsein, dass wir es auch heute, 210 Jahre später, eigentlich immer noch nicht so recht wissen. Allenthalben hält man uns die Vergeblichkeit, wie Shelley es nannte, die eigentliche Unmöglichkeit des Übersetzens vor, zumal des Übersetzens von "großer Dichtung". Vollkommen, könnte man sagen, sei die Übersetzung, und zwar eigentlich jede, erst in ihrer recht eigentlichen Unzulänglichkeit. "Lost in Translation" eben, die Übersetzung als matter Abklatsch des Originals, eine endlose Reihe von Reibungsverlusten, die nun einmal unvermeidbar sind, wenn die Sprachen, die Kulturen, aufeinander losgelassen werden.

Doch halt! Wenn das Geschäft denn so vergeblich, wenn nicht gar verderblich ist, ein Unternehmen nachgerade mit dem Ziel, den heiligen Urtext zu verderben, warum gebietet man dem dann nicht endlich Einhalt? Warum dürfen Übersetzer nach wie vor Frevel treiben und die Weltliteratur zuschanden machen? Weil es ohne Übersetzer die Weltliteratur gar nicht gäbe, weil Übersetzen eine Form der Kommunikation ist, weil die Übersetzung Vehikel ist zum Austausch von Literaturen und Kulturen und Vehikel zum Transport fremder Denk-, Empfindungs- und Erfahrungswelten in die Kultur und zu den Lesern der Zielsprache. Es ist ja wahr, dass beim Übersetzen allemal etwas verloren geht. Robert Frost, auf den die mittlerweile zum Klischee verkommene Formel "lost in translation" zurückgeht, sagte, es sei die Poesie. Virginia Woolf, es sei der Humor. Beide dürften dabei von Übersetzungen ins Englische geredet haben. Bei Übersetzungen aus dem Englischen wird oft beanstandet, das Deutsche sei zu lang, zu umständlich, zu unflexibel, zu wenig rationell. Und so empfindet wohl, wenn es ums Übersetzen geht, jeder die eigene Muttersprache, die Zielsprache also, im Vergleich zur Sprache des Originals als Mangelwesen.

Als praktizierende Übersetzerin bin ich bemüht, eine andere Perspektive als die Übersetzungstheoretiker einzunehmen. Ich blicke nicht von oben auf das "Phänomen Übersetzen" herab und kreide der Übersetzung ihre Inkongruenz mit dem Original an, sondern plädiere vielmehr dafür, die Übersetzung als eigenständiges Kunstwerk mit eigenen Reizen und Schönheiten wahrzunehmen.
Kongruent oder identisch mit dem Original kann eine Übersetzung niemals sein, und je verzweifelter ein Übersetzer um Identität ringt, desto sicherer wird er scheitern. Wird aber Treue zum Original als kreatives Ab- oder Nachbilden desselben verstanden, Treue aus eigenem, freiem Willen des Übersetzers, aus der Überzeugung heraus, dass dieses Original meine gesamte Hingabe und Kompetenz verdient, dann wird die Übersetzung, sofern sie gelungen ist, ein Kunstwerk von eigenen Graden sein, und zwar eines, das dem Original in vielem sehr, sehr ähnlich ist.

Unbestritten kann ohne Demut kein Kunstwerk entstehen, auch keine gute Übersetzung. Ich rede also nicht dem Hochmut des Übersetzers das Wort, wohl aber - soweit es Übersetzungen von "hoher Dichtung" und insbesondere Neuübersetzungen klassischer Werke betrifft - dem Selbstbewusstsein des Übersetzers als eines Menschen, der dem Original aus eigenem Antrieb und aus Überzeugung dient und von dieser Position aus sein eigenes Erscheinen in der Übersetzung nicht als faux pas, sondern als natürliche Notwendigkeit betrachtet, und der mit seiner individuellen Deutung des Ausgangstexts, aber auch mit seinem intellektuellen und handwerklichen Instrumentarium Mehrwert schafft, indem er dem Leser den Blick auf bislang vielleicht unentdeckt gebliebene Aspekte des Originals erschließt. Das meine ich, wenn ich sage, dass die Übersetzung kein Verlustgeschäft ist, sondern viel größeren Gewinn zutage fördert, als ihr gemeinhin zugestanden wird.

© Christa Schuenke, 2007





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