Zitate
"Ich bin eine typisch altösterreichisch-ungarische Mischung: magyarisch, kroatisch, deutsch, tschechisch - mein Name ist magyarisch, meine Muttersprache ist deutsch. [...] Allerdings: der Begriff "Vaterland", nationalistisch gefälscht, ist mir fremd. Mein Vaterland ist das Volk. [...] Meine Generation, die in der großen Zeit [während des Ersten Weltkriegs] die Stimme mutierte, kennt das alte Österreich-Ungarn nur vom Hörensagen, jene Vorkriegsdoppelmonarchie, mit ihren zweidutzend Nationen, mit borniertestem Lokalpatriotismus neben resignierter Selbstironie, mit ihrer uralten Kultur, ihren Analphabeten, ihrem absolutistischen Feudalismus, ihrer spießbürgerlichen Romantik, spanischen Etikette und gemütlicher Verkommenheit.
Meine Generation ist bekanntlich sehr mißtrauisch und bildet sich ein, keine Illusionen zu haben. Auf alle Fälle hat sie bedeutend weniger als diejenige, die uns herrlichen Zeiten entgegengeführt hat. Wir sind in der glücklichen Lage, glauben zu dürfen, illusionslos leben zu können. Und das dürfte vielleicht unsere einzige Illusion sein.
Ich weine dem alten Österreich-Ungarn keine Träne nach. Was morsch ist, soll zusammenbrechen, und wäre ich morsch, würde ich selbst zusammenbrechen, und ich glaube, ich würde mir keine Träne nachweinen."
[Horváth, Fiume, Belgrad, [...], 1929, kA 11, 184 f]

"Und um einen heutigen Menschen realistisch schildern zu können, muß ich ihn also dementsprechend reden lassen. [...] Mit vollem Bewußtsein zerstörte ich das alte Volksstück, formal und ethisch - und versuchte als dramatischer Chronist die neue Form des Volksstückes zu finden. [...] Man wirft mir vor, ich sei zu derb, zu ekelhaft, zu unheimlich, zu zynisch und was es dergleichen noch an soliden, gediegenen Eigenschaften gibt - und man übersieht dabei, daß ich doch kein anderes Bestreben habe, als die Welt so zu schildern, wie sie halt leider ist. - Und daß das gute Prinzip auf der Welt den Ton angibt, wird man wohl kaum beweisen können - behaupten schon. - Der Widerwille eines Teiles des Publikums beruht wohl darauf, daß dieser Teil sich in den Personen auf der Bühne selbst erkennt - und es gibt natürlich Menschen, die über sich selbst nicht lachen können - und besonders nicht über mehr oder minder bewußtes, höchst privates Triebleben."
[Interview Horváth / Cronauer, 1932, kA 11, 201 ff]

"Ich schreibe nichts gegen, ich zeige es nur - ich schreibe auch allerdings nie für jemand, und es besteht die Möglichkeit, daß es dann gleich "gegen" wirkt. Ich habe nur zwei Dinge gegen die ich schreibe das ist die Dummheit und die Lüge. Und zwei wofür ich eintrete, das ist die Vernunft und die Aufrichtigkeit."
[Horváth, [Mutmaßliche Weiterführung der Fassung B "Randbemerkung" zu "Glaube Liebe Hoffnung"]. In: Materialien zu "Glaube Liebe Hoffnung", 71]

"Ich überreiche dies Buch der Öffentlichkeit unserer Zeit. Ich weiss, es wird viel verboten werden, denn es handelt von den Idealen der Menschheit. Ein Lehrer, der Lesen und Schreiben lehrt, von dem handelt es. Es ist ein Buch gegen die geistigen Analphabeten, gegen die, die wohl lesen und schreiben können, aber nicht wissen, was sie schreiben und nicht verstehen, was sie lesen. Und ich hab ein Buch für die Jugend geschrieben, die heute bereits wieder ganz anders aussieht, als die fetten Philister, die sich Jugend dünken. Aus den Schlacken und Dreck verkommener Generationen steigt eine neue Jugend empor. Der sei mein Buch geweiht! Sie möge lernen aus unseren Fehlern und Zweifeln! Und wenn nur einer dies Buch liebt, bin ich glücklich!"
[Horváth, Entwurf zum Roman "Auf der Suche nach den Idealen der Menschheit", später "Jugend ohne Gott", 1935, kA 13, 154, ohne Ergänzungen]

Fühlst du dich mit Brecht verwandt?

Rainer Werner Fassbinder: Nein, eher mit dem Österreicher Ödön von Horvath, der interessiert sich, im Gegensatz zu Brecht, direkt für die Menschen. Ich würde eher Alexander Kluge mit Brecht vergleichen und mich selbst mit Horvath. Kluges Verfremdung ist intellektuell wie Brechts, während meine stilistisch ist.
[Rainer Werner Fassbinder "Die Anarchie der Phantasie", Gespräche und Interviews, hg. v. Michael Töteberg, 1986 Fischer Taschenbuch]

"Kasimir und Karoline ist das erste Stück, das Marthaler so gemacht hat, wie es geschrieben wurde. Marthaler ist vermutlich eine Reinkarnation von Horvath. Es kann auch sein, dass Horvath eine Inkarnation von Marthaler ist, dass es ihn schon einmal gegeben hat."
[Josef Bierbichler über die Proben zu "Kasimir und Karoline" mit Christoph Marthaler, in: Christoph Marthaler. Die einsamen Menschen sind die besonderen Menschen. hg. v. Klaus Dermutz, 2000 Residenz]





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