LESEPROBE


Lucas Cejpek und Annette Schönmüller
Einsingzimmer.
Wien: Das fröhliche Wohnzimmer, 2006.
30 S.; brosch.; Euro 7,50.
ISBN 10: 3-900956-84-7.
ISBN 13: 978-3-900956-84-4.

Wissen Sie, was ein Einsingzimmer ist?
Selbstverständlich, das sagt ja schon der Name.
Nein, falsch, alles falsch. Es gibt gar keine Einsingzimmer.
Man muss sie sich erst erfinden.

Und genau das tun Lucas Cejpek und Annette Schönmüller in ihrem gleichnamigen Büchlein. Der Schriftsteller und die Sängerin. Der Experte des Wortes und die Expertin der Stimme gehen gemeinsam auf die Suche nach dem, was nicht ist, aber sein sollte. "Ich kann die Stille nur in mir selber finden, den ruhigen Raum. Und dann ist es egal, in welchem Zimmer ich bin." Vorausgesetzt, es ist ein abgeschlossenes Zimmer, ein abschließbares Zimmer, in das man bzw. frau sich alleine zurückziehen kann. Ein Rückzugsraum also. Selbst wenn es nur ein Klosett ist.

Ja, offenbar ziehen sich etliche Künstler oder Künstlerinnen vor ihrem Auftritt aufs Klo zurück - nur um allein zu sein, was sonst hinter der Bühne kaum möglich ist. Manche suchen sich auch ein stilles Eck im Stiegenhaus - was die Gefahr birgt, sich auszusperren, nicht alle Türen sind von beiden Seiten gleichermaßen ohne Schlüssel zu öffnen. Am unproblematischsten wäre es wohl, eine eigene Garderobe zu haben, aber wer hat denn das schon?

Offenbar regt sich vor allem dann, wenn wir kurz davor stehen, vor vielen Menschen etwas vorzutragen, ein ganz besonderes Bedürfnis nach Einsamkeit. Nach Einkehr in den Kopf, nach Besinnung auf uns selbst. Wir müssen Konzentration und Kraft sammeln für den Auftritt. Der Sänger und die Sängerin müssen ihre Stimme finden. Manchmal geht das auch stumm. Die Kunst kommt von innen.

Lucas Cejpeks und Annette Schönmüllers "Einsingzimmer" liest sich über weite Strecken wie ein Interview, aus dem die Fragen gestrichen wurden. Cejpek, der Schriftsteller, ist jener, der sie stellt. Und Schönmüller, die Sängerin, gibt darauf ihre ganz persönlichen Antworten. Sie erzählt, teils anekdotisch, von ihren Versuchen, in der Realität etwas zu finden, was sie sich erst erfinden musste. Das Einsingzimmer gibt es nicht. Das Einsingzimmer kann überall sein. Notgedrungen.
Metaphorisch betrachtet wird es zum Auftritt auf der Bühne des Lebens, das Publikum die Außenwelt, für die wir uns erst wappnen müssen, jeder Tag eine neue Performance. Das Einsingzimmer der Frühstückskaffee, ohne den es nicht geht. Innehalten, bevor wir souverän vor den Vorhang treten. Oder auch nicht.

In seinem blumigen nostagisch anmutenden Cover wirkt das "Einsingzimmer" wie ein kleines Notizbüchlein, in das irgendein zufriedenes Wesen in einem fröhlichen Wohnzimmer verträumte Notizen macht. Freundliche Notizen. Notizen, die sich nicht beschweren über das, was die Welt ist oder nicht ist, sondern solche, die sich einfach herbeiphantasieren, was fehlt. Wie bereits erwähnt: "Ich kann die Stille nur in mir selber finden, den ruhigen Raum. Und dann ist es egal, in welchem Zimmer ich bin." Glücklich ist, wer das kann und nicht vergisst.

Sabine Dengscherz
12. März 2007

Originalbeitrag

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