| LESEPROBE | ![]() |
| Gert Jonke | |
| Alle Gedichte Herausgegeben und mit einem Nachwort von Klaus Ammann. Salzburg, Wien: Jung und Jung, 2010. 158 Seiten; geb.; Euro 20,-. ISBN 978-3-902497-65-9. Schön langsam kommt alles von Gert Jonke gesammelt heraus, zuerst "Alle Stücke" (Jung und Jung 2008) und nun "Alle Gedichte". Der – nach Wien und in die Welt ausgewanderte – Kärntner war eine wahrhaftige Dichter-Existenz, etwas mehr als ein Homme de lettres und vielleicht etwas weniger als ein literarisches Universalgenie, wobei er Leben und Schreiben immer mehr zu einer Einheit zusammenfügte, was ihn zu einem konsequenten Künstler formte. Vor allem war er ein Sprachzauberer, was zuallererst in seinem – auch von ihm selbst unübertroffenen – Roman "Der ferne Klang" (1979), wofür er im Jahr 1977 mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgestattet wurde, deutlich wurde.
Gert Jonke war zweifellos ein ausgezeichneter Prosaschriftsteller, als Lyriker aber eher unbekannt. Natürlich hat er Zeit seines Lebens einige Gedichte veröffentlicht, in Anthologien sowie in der "Brücke" und den "manuskripten", doch wäre es keinem Literaturwissenschaftler oder -kritiker eingefallen, in Gert Jonke tatsächlich einen Lyriker zu sehen, wohl aber einen Dichter.
Das Buch enthält sämtliche Gedichte, die im Zug einer Recherche ermittelt und gefunden werden konnten, so "Jugendwerke", Gedichte, die er ab dem Jahr 1970 selber als solche definiert und publiziert hat, sowie lyrische Passagen aus seinen Theaterstücken. Gert Jonke hat seine Gedichte, wenn man ihn mit seinen Worten auslegen darf, in "einer neuen Sprache" geschrieben, in "deren Gedankenreiseverkehrsnetz unsere Verständnisexpeditionen weiter gelangten als in eine vorausgebreitet fernere Erinnerungsprovinz" (S. 125). Seine "Segel" blähen sich vor "Ausdrucksklangbereiche(n)", die anderen AutorInnen fremd sind und nie vertraut sein werden. Und dennoch schreibt er keine "unbekannte Sprache", sondern eine höchst genaue, deren Einfallsreichtum einen von Vers zu Vers erstaunt.
Die "Empfindungsklanghaut", die Jonke wächsen lässt, fügt sich aus "durchsichtigen Silbenlautschleiern" zusammen, wenn es beispielsweise heißt: "AUF DEN TELEGRAPHENDRÄHTEN/ sitzen diese Vögel/ und zeigen dem/ heutigen Abendwind/ den Fortgang/ seiner Melodie" (S. 53). Gert Jonke ist und bleibt aber auch nach "Alle(n) Gedichte(n)" ein ganz großer österreichischer Prosaschriftsteller, dessen "Geometrischer Heimatroman", "Der ferne Klang" und "Erwachen zum großen Schlafkrieg" aus der deutschsprachigen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts nicht wegzudenken sind. Er ist neben vielen KönnerInnen seiner Zeit der einzige Zauberer.
Janko Ferk Originalbeitrag Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder. Hinweise auf weitere Rezensionen bietet unsere Online-Datenbank zum Zeitungsausschnittarchiv.
|
| LESEPROBE | ![]() |
| ||||
| Weiße Schrift auf weißem Grund beim Ausdrucken? Klicken Sie hier ---^ | ||||