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| Christoph Ransmayr | |
| Odysseus, Verbrecher. Schauspiel einer Heimkehr. Frankfurt am Main: S. Fischer 2010. 120 S., geb., Euro 12,40. ISBN: 978-3-10-062945-6. Für den im Rahmen der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 konzipierten Dortmunder Theatermarathon, an dem sechs Fort- und Umschreibungen zur Odyssee aufgeführt wurden, macht Christoph Ransmayr gleich klar, was ihn an der Figur des Odysseus nicht interessiert: das Heldentum, die listenreiche Intelligenz, die Abenteuer während dessen 20-jähriger Abwesenheit von Ithaka. Ransmayr schreibt die Aktualisierung einer der Ursprungserzählungen des europäischen Selbstbewusstseins als Kriegsfolgegeschichte, mit einer deutlichen Wertung, die sich schon im Titel des Stücks ausspricht: "Odysseus, Verbrecher".
Sein Drama setzt, wie bei Homer, bei des Odysseus Landung am Strand von Ithaka an. Der Fortgang der Handlung entspricht den Stationen der Heimkehr im Original: vom Strand über die Begegnung mit den Hirten und seinem Sohn bis hin zum Eintreffen im Königspalast und der Vernichtung der Freier Penelopes. Die Freier heißen hier "Reformer", sie sind die neuen "Führer", die an die Macht streben, von Odysseus schlicht "Volksfeinde" genannt. Ransmayr schreibt die ewige Geschlechtergeschichte von Mann und Frau als jene von Mars und Venus mit deutlicher Parteinahme für das weibliche Prinzip weiter. Da erscheinen beispielsweise die Freier / Reformer in all ihrer geschäftstüchtigen Verkommenheit wie Unternehmer, denen, dem weiblichen Blick zufolge, anders beizukommen sein müsste als mit Vernichtung und Tod. Das Ende zementiert die Unvereinbarkeit des politisch-konstruktiven Kooperationswillens des Weiblichen und der schonungslosen, bis zur Vernichtung des Gegners führenden Konkurrenzlust des Männlichen. Folgerichtig schickt Penelope Odysseus wieder weg, "... um irgendwann tatsächlich heimzukehren und nicht bloß in der Heimat zu stranden". Trotz aller Aktualisierungs- und Modernisierungstendenzen entfaltet sich in "Odysseus, Verbrecher" ein klassisches Drama mit klar abgegrenzten, identifizierbaren Figuren, die sich im Reden zur Darstellung bringen, auch bloßstellen, und deren Konturen sich im kämpferischen Zwiegespräch schärfen. Der Antiheld Odysseus mit seinem Schicksal wird bei Ransmayr zu einer Randepisode der Weltgeschichte(n).
Florian Braitenthaller Originalbeitrag Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder. Hinweise auf weitere Rezensionen bietet unsere Online-Datenbank zum Zeitungsausschnittarchiv.
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