Julian Schutting - "An den Mond."

An Ophelia
[...]
Was also zwingt den Namen Ophelia oder Ophelie,
wie geheißen haben möge eine Quellnymphe
und nicht erst das Geschöpf eines großen Dichters,
singend ins Wasser gegangen und nicht namenlos
meerwärts getragen, sich auf Wassern treibenden
Blättern einzuschreiben und von deren Vorübertreiben
wohlbeschattet meeresgrundwärts zu sinken,
kaum dass aufgrund der Vereinigung von Namenszeichen
und Bezeichneter der Geisteszustand im Entstehen
begriffener Gedichte dahingleitet?
(S. 11)


An Wittgenstein

Worüber man nicht reden kann –
darüber haltets die Goschn,
darüber redts gefälligst deutsch?
darüber lässt sich trefflich streiten.
soll nun zur Sprache kommen.
darüber ist schon viel geschrieben worden –
und jedes Wort verlorne Liebesmüh.
darüb geziemt sich wohl ein ernstes Wort.
bleibt gleich geheimnisvoll
für Kluge wie für Toren.
(S. 35)


Selbstbildnisse
[...]
Mein Versgedicht
>An die verlorene Geliebte
<
würde alle Fühlenden im Innersten erschüttern,
hätt ich ihm nicht im Augenblick der Vollendung
die erst in vollkommener Versgestalt
zutage getretene Wahrheit ablesen müssen –
also habe ich zum Messer gegriffen,
die mir also nicht an den Tod Verlorene
in jedem Wort jeder Zeile
bis zur Unkenntlichkeit
zu verstümmeln.
(S. 63)


© 2008 Residenz, St. Pölten-Salzburg.





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