Diana Köhle und Markus Köhle (Hrsg.) - "Ö-Slam. 1. österreichische Poetry Slam Meisterschaft."
Leseprobe

Martin Fritz – "nicht mein verein."

lass uns bitte nicht von slam sprechen, ich weiß gar nicht wie das
gehen soll, auf einer bühne stehen vor irgendwelchen
leuten, ich weiß nicht mal zwei oder drei dinge von
denen, was anderes im kopf und wut für drei kästen
backstagegösser im bauch

ich weiß gar nicht, wie das gehen soll, schnellsprechtexte in an-
gelerntem vom land nach berlin zugezogen akzent, in
denen einer aufwacht und die giz ruft an oder einfach
irgendwas mit ficken, tieren oder kindern, oder nein,
kinder: gehen gar nicht

oder probleme: hat ja auch jeder, kann man nichts machen,
manche leben da davon, dass man da nichts machen
kann, bloß: bitte das nicht in text rein, will keiner
hören, probleme: gehen gar nicht

oder: zweiundachtzig millionen bürger/innen deutscher mut-
tersprache jeden abend zuhause vorm powerbook,
nichts als freizeit, ausgezeichnete bildung und exzel-
lentes fernsehprogramm, heraus kommen texte gegen:
tokyo hotel, ikea und die giz

oder: es muss doch einen unterschied machen, ob wir, sagen wir mal, fußball spielen, den kölner dom aus streich- hölzern nachbauen oder jeden letzten mittwoch im monat ins rhiz gehen. die es noch genug finden, tokyo hotel schlecht zu finden, müssen doch draußen bleiben

als nächstes sagt jemand: du machst dir wenigstens gedanken
darüber, was andere nur hinnehmen.
in wahrheit ist
das nur: tausend mal klo gehen und hände waschen,
maximal dazwischen ein bisschen gelungene freizeit-
gestaltung, distinktionssteigernde konsumakte oder
geschlechtsverkehr, meistens aber nur: ein leeres word-
dokument lacht dich aus. probleme: gehen gar nicht

(S. 55f.)

© 2008 Edition Aramo, Wien





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