Linda Stift - "Stierhunger."
Leseprobe (S.55)

Erbittert ging ich in der Wohnung auf und ab. Schließlich war ich mürbe geworden und hatte die Hohenembs angerufen. Nach zweimaligem Klingeln war sie am Apparat. Das Gespräch war so kurz wie unerfreulich, im Hintergrund hörte ich den Hund weinen, oder waren es die Papageien? Ich war nervös, und wenn ich nervös oder aufgeregt bin, bin ich beinahe unfähig zu kommunizieren. Wenn alles gut läuft, spreche ich mit angenehmer Stimme wie eine Radiomoderatorin, wenn nicht, stottere ich herum, als ob ich meine Muttersprache nicht beherrschte. Auf der Uni wurde ich einmal sogar gefragt, ob ich Ausländerin sei, weil ich mich nicht rasch genug und in den für die Situation erforderlichen Worten ausdrückte. Ich verlangte stockend von der Hohenembs, mich nicht mehr zu kontaktieren, und sie erwiderte in ihrem wohlklingenden Hofratsgattinendeutsch, das leicht ins Bayrische spielte, sie wolle mich nur hin und wieder zu einem Spaziergang oder Museumsbesuch einladen, das seien kleine, bewältigbare Aufgaben, dass ich ihr ganz angehören würde, brauchte ich nicht zu befürchten, davon sei überhaupt keine Rede. Lehnte ich das ab, werde sie die zuständigen Behörden informieren. Der Ausdruck ihr ganz angehören, auch wenn ich das gerade nicht sollte, schockierte mich. Auf diese Idee wäre ich nie gekommen, aus ihrem Mund klang es ganz selbstverständlich und ließ das Schlimmste befürchten. Auf meine Entgegnung, dass ich ebenso die Polizei verständigen könne, meinte sie nur lapidar, dass sie, im Gegensatz zu mir, wüsste, was zu tun sei. Vor allem hier in Österreich würden sie und Ida kaum belangt werden. Sie glaube nicht, dass ich das von mir behaupten könne. Weiters könne sie sich nicht vorstellen, dass ich eine Gefängnisstrafe ihrer zeitweiligen Gesellschaft vorziehen würde. Das wäre nun doch zu grotesk von Ihnen, unberufen. Sie brachte das in einem derart ruhigen Tonfall vor, dass ich den Hörer hinwarf und aus dem Zimmer lief und aus der Wohnung gelaufen wäre und am liebsten aus der ganzen Welt, hätte nicht Sekunden später erneut das Telefon geläutet. Ich lief ins Zimmer zurück, riss den Hörer vom Apparat und vernahm die Stimme der Hohenembs. Unberufen, es soll Ihr Schaden nicht sein, ich habe da ein lukratives Angebot für Sie. Sie legte auf.

© 2007 Deuticke im Paul Zsolnay Verlag, Wien.





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