Elisabeth Reichart - "Das vergessene Lächeln der Amaterasu"
Leseprobe

Ichiro wartete ungeduldig auf Alwina. Noch nie hatte er einen ganzen Tag ohne sie in diesem Haus verbringen müssen, in dem er sich nur mit ihr daheim fühlte. Wenigstens war Natsuko mit den Kindern für einige Tage zu ihren Eltern gefahren, war das Haus ungewohnt still, konnte er es in dieser Stille als sein Haus erkennen. Sein Vater war weggefahren, um zu trinken, behauptete seine Mutter, bevor sie ins Hochzeitshaus ging.
Wie gut, daß die Frauen Kyushus nicht nach Europa fuhren, um zu heiraten, nur weil es dort billiger war. Sie brauchte die Wochenenden im Hochzeitshaus, und der Inhaber brauchte sie, nicht einmal, wenn sie ausnahmsweise krank war, konnte er einen Ersatz für sie finden. Schicht um Schicht bekleidete sie Frauen mit Hochzeitskimonos, schwere weiße Seidenkimonos trugen sie für den Trauungsakt, danach, wenn das Geld reichte, zog sie ihnen einen der bunten Festkimonos an, obwohl, an manchen Wochenenden blieben die Kimonos im Schrank, immer mehr Frauen bevorzugten das weiße europäische Brautkleid, bequem wie sie waren. Oder waren die Frauen arm? Waren sie so arm an Geist, daß sie ihre Eltern nicht mehr zu einem klassischen Brautkimono überreden konnten? Unbezahlbarer Kimono, geliehener Kimono, wie schön die Bräute waren ...
Diese allzu vertrauten Gesichter zu Hause, die nur noch älter wurden. Manchmal verspürte sie jetzt Angst, ihr Erstgeborener könnte sich im Ausland so verändert haben, daß er seine Pflichten den Eltern gegenüber vergaß. Warum sollte er Mutter und Vater nicht aus dem Haus jagen, wie er seinen Bruder vertreiben wollte. Wiederholte sich alles? Von der eigenen Mutter weggeschickt, als sie Hilfe brauchte, aus dem Haupthaus hinausgeekelt, und nun, im Alter noch einmal diese Demütigung? Sie war nicht die Witwe O Rin, und es waren andere Zeiten. Niemand mußte mehr mit siebzig Jahren in die Berge sterben gehen, damit die Jüngeren überleben konnten. Aber warum hatte ihr Ichiro diese Geschichte erzählt? Nicht einmal das schauerliche Detail, wie sich O Rin mit einem Stein einen Vorderzahn ausschlägt, hatte er ausgelassen. Ihr war O Rin in ihrer absoluten Selbstlosigkeit nicht geheuer, aber noch weniger geheuer war ihr der eigene Sohn in diesem Moment. Er las doch kaum ... und doch hatte er von allen möglichen Geschichten ausgerechnet diese ausgewählt ... War das eine Aufforderung, ein Zufall? Oder war es die Gaijin, die sie oft genug beim Lesen überraschte, die ihm diese Mär vorgelesen hatte? War das ihre Vorstellung von Japan? Bei dieser Fremden paßte keine Eigenschaft zur anderen. Nie zuvor war ihr eine so widersprüchliche Frau begegnet. Aber da sie eine Frau war, sehnte sie sich nach Ruhe, Sicherheit. Sie wollte die Hoffnung nicht aufgeben, daß sich die Gaijin anpassen würde, die nicht einmal ahnte, daß diese Hoffnung ihr einziger Schutz war. (S. 81f.)

(c) 1998, Aufbau, Berlin.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.





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