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| Leon Askin - "Der Mann mit den 99 Gesichtern" | |
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Leseprobe
Einige Tage vor der Eröffnung der Schule lud mich Hans Thimig ein, der Generalprobe von "Frau Warrens Gewerbe" im Theater in der Josefstadt beizuwohnen. An diesem Tag Ende September 1927 stand ich schon um vier auf und nicht wie gewöhnlich erst um fünf, um meinen beruflichen Verpflichtungen zeitgerecht nachzukommen. Um zehn Uhr war ich fertig und beeilte mich zum Umziehen nach Hause. Wir wohnten damals im Halbstock über dem vierten Stock. Als ich die Stiegen zur Wohnung, immer eine Stufe überspringend, hinaufeilte, sah ich zwischen Mezzanin und dem ersten Stock buntes Papier liegen. Als ich näher hinschaute, erwiesen sich die Papierstücke als Geldscheine in Form einer Zehnschillingnote und zwei Fünfschillingnoten. Im Freudentaumel griff ich nach dem Geld und rannte nach oben, entledigte mich meiner Arbeitskleidung und zog mich für das Theater an. Innerhalb kurzer Zeit hatte ich meine Toilette beendet und rannte, das Geld dabei habend, hinunter zur nächsten Straßenbahn. Nachdem ich einen Platz auf der vorderen Plattform ergattert und mich etwas beruhigt hatte, rief ich mir das Wunder, wie ich den Geldfund nannte, wieder in Erinnerung. Mein Glücksgefühl war groß, und kleinlaut meldeten sich ganz allgemeine Bedürfnisse wie der dringend notwendige Kauf von ein Paar Handschuhen für den kommenden Winter. Wenn ich mir nur das Nötigste leisten würde, so kalkulierte ich weiter, könnte ich sogar für die Haushaltskasse meiner Eltern noch etwas beisteuern. Plötzlich, wie durch eine Eingebung, wurde mir klar, worüber ich unerwartet verfügen konnte. Es waren zwanzig Schilling, jene zwanzig Schilling, die mir letztendlich den Besuch der Schauspielschule und vielleicht meine spätere Karriere ermöglichen würden. (S. 76f.) Ich kannte etliche Österreicher und Deutsche, die auch nach dem Krieg jeden Kontakt mit ihrer früheren Heimat abgelehnt hatten und sich strikt weigerten, Deutsch zu sprechen oder zu verstehen. Für jene anderen aber, die trotzdem zurückwollten, hatte Anton Kuh das Problem auf den Punkt gebracht. Er sagte, wenn er nach dem Krieg in Europa Immigrationsoffizier wäre, würde er jeden Rückkehrer fragen, in welches Jahr er zurückwolle. Denn ein Zurück in das frühere Leben, aus dem man hinausgedrängt wurde, sei unmöglich. Das sollte allen Remigranten klar sein. Ich, der ich heute in meinem hohen Alter wieder in Wien bin, in der Stadt, wo ich geboren und aufgewachsen bin, kann nur wiederholen, daß es für einen Flüchtling weder eine Heimkehr in die alte Heimat noch das Gefühl des Zuhauseseins in der Fremde geben kann. Das ist die besondere Tragik der Vertreibung. Wir sind und bleiben Heimatlose der Zeitgeschichte, solange wir leben. (S. 248)
Ich bekam ein Filmangebot und sollte darin einen amerikanischen Offizier spielen, der dem Sinn nach ungefähr folgendes zu sagen hatte: "Meine Eltern wurden von den Nazis umgebracht, aber ich habe trotzdem ein Gefühl der Gemeinsamkeit mit Deutschen und Österreichern!" oder "Der Fragebogen ist aus Washington eingetroffen. Jetzt weiß ich, was ein Mörder ist."
(c) 1998, Böhlau, Wien, Köln, Weimar. |
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