| Wer liebt, dem wachsen Flügel
Roman.
München: Nymphenburger, 1999.
192 S., geb.; DM 29,90. ISBN 3-485-00809-5.
Einem positiv denkenden Mann in der Midlife-Crisis mißtraut
man als gelernter Leser wie einem Antiquitätenhändler, der
einem jenseits der Vierzig einen Heiratsantrag macht.
Gabriel Barylli (geb. 1957), der Tausendsassa in den Bereichen Film, Buch
und Fernsehen, schickt seinen positiven Helden tatsächlich als
Antiquitätenhändler in die Literatur, und er macht nicht nur
filmreife Heiratsanträge, sondern auch Anträge an den Leser,
das Leben positiv zu sehen.
Mit vorerst reservierten Gefühlen läßt man sich auf Baryllis
Heldenmonolog ein, der naturgemäß aus sehr viel assoziativem
Trash besteht. Der Erzähler fuchtelt mit seiner Seele gar nicht
lange herum, vielmehr wird das Leben wie Lava ausgegossen, sodaß sich vor allem der ungeduldige Leser an der heißen Seelenbrühe verbrennen kann.
Dennoch kehrt bald eine gewisse Ordnung ein, denn die
Wörter hurtig und munter erinnern an ein frühes Buch aus der Kindheit, gleichzeitig gesellt sich auch das passende Wetter dazu, und plötzlich sind wir alle in Salzburg, wo während der Festspiele die Gedanken aus Butter und Honig sind.
Wie eine Bio-Biene summt der schwer Verliebte nun von
Glückskelch zu Glückskelch und nippt an allen Schaufenstern
die ganze Getreidegasse hinauf und hinunter.
Glücklicherweise können sich in der Physik die Atome nicht
verlieben, denn sonst wäre die Welt wohl schon mehr als einmal aus dem Leim gegangen und hätte sich in Gefühlssäften aufgelöst. Barylli schickt seinen verliebten Erzähler aus Überschwang in verschiedene Sachgebiete, wo sich die Liebe jeweils recht unnütz vorkommt. So ist etwa die
Liebe wie ein Atom, das durch spontane Energiezufuhr
den berüchtigten Quantensprung macht. Jedoch fällt das arme
Atom wieder in sich zusammen, wenn die Liebe nachläßt.
Da ein Seelenstrom nie logisch, sondern höchstens
psychologisch dahinfließt, können Erklärungen zum Zustand
der Welt durchaus seltsam ausfallen. Eine tolle Erklärung für die Einsamkeit des Herzens gipfelt darin, daß es einsam sein
muß, da es von einem völlig einsamen Menschen, nämlich von Bill Gates, erfunden worden ist.
Ein paar Seiten später setzen Männer plötzlich gespiegelte
Sonnenbrillen auf, und Frauen werfen sich unter eine
ungewöhnliche Frisur, was wieder auf die berüchtigte Midlife-Crisis
hindeutet.
Schließlich zieht sich noch ein Antiquitätenwitz durch den ganzen Gedankenstrom namens Romans: "Wissen Sie, warum die Frauen zehntausend Jahre lang unterdrückt wurden? - Es hat sich bewährt!"
Als Leser will man sich nach diesem Roman nicht unbedingt
verlieben, denn wer weiß, ob sich so eine Affäre ebenso leicht
zuklappen läßt wie dieses Buch.
Gabriel Barylli, der es spielend schafft, Kulturseiten und
Seitenblicke mit einer Handbewegung zu füllen, geht auch in
seiner literarischen Produktion mit Tempo ans Werk. Indem er Filmstoffe, Theaterregie und Glanzrollen in einem medialen Aufwaschen erledigt, fallen die
Bücher geradezu wie von selbst geschrieben an.
Für Leser, die sich jährlich nach dem Stand der Midlife-Crisis in Ägypten ("Nachmittag am Meer") oder in Europa erkundigen
möchten, ist Barylli als Trendsetter unentbehrlich. Und man
glaubt es kaum: Trotz aller Reserviertheit vor der Lektüre
entwickelt dieser Gedankenstrom der Barylli-Helden
Saugkraft, die einen vom Leben abzieht. Daß man dabei nicht
unbedingt auf tiefgehende Gedanken kommt, ist im Programm vermutlich vorgesehen.
"Das Kultbuch zum Kinofilm" heißt es am Umschlag. Und wie
immer, wenn es auf die Schnelle gehen soll, wird aus Kultur ein Kult.
Helmuth Schönauer 22. Februar 1999
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