Alois Brandstetter - "Meine besten Geschichten"
Leseprobe

Der 1. Neger meines Lebens

1945 sah ich den 1. Neger meines Lebens. Der 1. Neger meines Lebens saß auf einem der Panzer, die an meinem Elternhaus vorbeifuhren.
Wir hatten ziemliche Angst, als der 1. Neger vor unserem Stubenfenster auftauchte. Vater sagte aber, daß wir keine Angst haben müssen. Vater sagte, daß die Neger auch Menschen sind, nur daß sie leider Neger sind. Immer mehr Neger tauchten vor unserem Stubenfenster auf. Ich konnte noch gar nicht so weit zählen. Vater sagte immer wieder, daß wir keine Angst haben brauchen, weil die Neger eigentlich auch Menschen sind. Vater sagte, daß die Neger gewissermaßen auch Menschen sind. Vater sagte, daß die Neger sozusagen auch Menschen sind. Vater sagte, daß die Neger in gewissem Sinne auch Menschen sind. Vater sagte, daß wir keine Angst haben brauchen, weil die Neger Menschen wie wir sind, nur daß wir Gott sei Dank keine Neger sind, während die Neger bedauerlicherweise Neger sein müssen. Die Neger sind nun einmal Neger, sagte Vater. Aber die Missionare haben schon viele Neger bekehrt, sagte Vater, und wir tragen dazu unser Scherflein bei, sagte Vater. Er hat selbst einmal gelesen, sagte Vater, wie ein Missionar geschrieben hat, daß viele Neger eine ganz weiße Seele haben. Obwohl kein einziger Neger mit so einer weißen Seele vor unserem Stubenfenster auftauchte, leuchtete es mir doch gleich ein, daß sich mit diesem Bekehren, wie es Vater nannte, oder sonst irgendwie manches an der schwarzen Farbe machen ließe.
Einige Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner sagte Vater beim Mittagessen, daß ein Neger der Nachbarin etwas ganz Böses angetan hat. Mutter sagte aber ganz vorwurfsvoll zu ihm: Aber Martin, und daß Schindeln am Dach sind, sagte sie. Vater sagte aber, daß ein Neger die Nachbarin eigentlich, gewissermaßen und sozusagen vergewaltigt hat. Vater sagte, daß die Neger eigentlich gewissermaßen und sozusagen keine Menschen sind. Vater sagte, daß die Neger in gewissem Sinne Tiere sind. Vater sagte, daß die Neger vergleichbar sind. Vater sagte, daß die Neger nicht wie wir sind. Wir hatten alle große Angst, und meine Schwester begann zu weinen. Vater sagte aber, daß wir keine Angst haben dürfen, weil die Nachbarin genaugenommen eigentlich sowieso eh eine Hure ist.
(S. 11f.)

Von Odense bis Kastelruth
Über Dichterlesungen und Lesereisen

Einladungen zu Lesungen freuen die Dichter, wenn auch die berühmteren Kollegen solche Einladungen kaum annehmen, ja meistens nicht einmal beantworten. "Habe weder Zeit noch Lust", hat uns Ernst Jünger seinerzeit ins Studentenheim geschrieben. Der Großteil der Schriftsteller rührt nicht einmal das Ohr, kaum die Schreibmaschine und sich sicher nicht vom Fleck, um ein Zeugma zu gebrauchen. Was soll's! Einladungen sind jedoch nicht gleich Einladungen, Einladungen ins Ausland, schon gar ins fremdsprachige, sind zum Beispiel etwas Besonderes. Die Erwartung aber, daß man dort mit seinen artifiziellen Subtilitäten verstanden wird, woher einen die mit etlichen rührenden Grammatikfehlern und überhaupt im Stil der Goethezeit geschriebene Invitation erreicht, ist eher gering. Will man sich aber nicht dem Vorwurf des Nationalismus aussetzen, wird man wohl reisen müssen. Bei allem, was gerade wir anderen Völkern angetan haben, ist das bißchen Unverstandensein, oder nur Nichtverstandenwerden, auch kein heroischer Akt der Wiedergutmachung oder gar Sühne, obwohl das Leiden des Autors beträchtlich sein kann! Wozu war der ganze stilistische und idiomatische Aufwand jetzt gut! Da hatte man sich gleich auf Infinitive und Nennformen beschränken können. Doch kann einem Unverständnis auch bei Landsleuten passieren. Nachdem ich bei einer Veranstaltung zum Thema "Dorf" im Innsbrucker Funkhaus einen Text aus meinem Buch "Vom Schnee der vergangenen Jahre" gelesen hatte, fragte mich anschließend ein Einheimischer am Kaffeeautomaten der Kantine, nachdem er mich zu seiner Verblüffung als den wiedererkannte, der vorhin auf der Bühne ins Mikrophon gesprochen hatte: "War das Gesätzchen eppa von Ihnen selber, was Sie da vorgerezitiert haben?" Und nachdem ich dies bejahen durfte, meinte er voll Bewunderung: "Was Sie nit sagen, alles eigene Fechsung! Dos wor nit schlecht, wohl, das war fein guat, mein Herr!"
Tirol ist immerhin Österreich. Doch denke ich im Zusammenhang mit Einladungen ins Ausland etwa an meinen Auftritt in Odense in Dänemark zurück. Die Erinnerung daran wird dadurch ein wenig getrübt, daß zu meinem Vortrag nur acht Zuhörer erschienen sind, von denen vier der dortigen "österreichischen Kolonie" angehörten, die übrigen waren: der einladende Professor, seine beiden Assistenten und die Institutssekretärin. Dafür also war ich fast 2000 Kilometer mit der Bahn angereist, rechne ich nach, so kam auf 500 Kilometer ein Hörer, wenn ich auf die Dänen, also die Fremden, abstelle. Ein kleines Auditorium läßt sich leicht überblicken, man kann es zählen und ist nicht auf Schätzungen angewiesen. Bei einem größeren Auditorium ist das anders, und man kann dem Veranstalter kaum widersprechen, wenn er anschließend ein wenig übertreibt und sich in die eigene Tasche lügt, indem er ordentlich aufrundet und kräftig dazuschlägt. Ein kleines Publikum ist auch immer ein interessiertes und ein dankbares Publikum. Das sagen auch die Begrüßer.
(S. 135f.)

© 1999, Residenz, Salzburg, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.





Schwarz/Weiss
Weiße Schrift auf weißem Grund beim Ausdrucken? Klicken Sie hier ---^