LESEPROBE


Alfred Brendel

Störendes Lachen während des Jaworts.
Neue Texte.
München, Wien: Hanser, 1997.
79 S., geb.; DM 20.-. ISBN 3-446-19100-3

Alfred Brendel ist nicht nur ein meisterhafter Pianist. Zum zweiten Mal beweist er mit oft kurzen ironischen Texten, daß er auch ein virtuoser Erzähler ist.

Optisch sind Brendels Texte ohne Titelüberschriften wie Gedichte angeordnet. In ihrer Kürze ist jedoch oft die Welt eines ganzen Romans enthalten. Eine skurrile, manchmal groteske, jedoch fast immer humorvolle Welt, die einen Hang zum Morbiden hat.

Manche Geschichten erinnern in ihrer skurrilen Prägnanz an die Welt des amerikanischen Karikaturisten Gary Larson. Da ist zum Beispiel eine alte Dame, die eines Tages beginnt, ihr Huhn mit ins Bett zu nehmen. Dem Tier zuliebe lernt sie krähen, damit das Huhn sich zu Hause fühlt, und am Ende picken beide gemeinsam Körner im Hühnerhof.
Dann gibt es die Geschichte vom Kamel, dessen Bühnenkarriere beendet ist, als es eines Morgens ohne Höcker aufwacht; wird es umlernen können, um ab jetzt seinen Lebensunterhalt mittels Schlüpfen durch ein Nadelöhr zu verdienen? Das Schicksal des Kamels berührt den Leser in seiner komischen Tragik.

Brendel verfügt über ein ausgezeichnetes Talent zur ironisierenden Menschenbeobachtung. Eine sehr kurze Geschichte etwa erzählt von einem von quälendem Juckreiz geplagten Mann im Publikum eines Konzertsaals, der wegen seines ständigen Kratzens vom Künstler mit Blicken fixiert und so vor allen anderen bloßgestellt wird. Ist der gestörte Künstler zu bemitleiden oder der sich kratzende Mann?

An Woody Allen erinnert Brendels Vorschlag, bei Familienfeierlichkeiten die Gäste mit Taucherbrillen und Gasmasken vermummt auftreten zu lassen, um wenigstens nach außen hin Einheit zu demonstrieren. Überhaupt spürt man in vielen Geschichten eine Affinität des Autors zum "Stadtneurotiker". In einer Geschichte verwechselt eine Dame ihn mit Allen und besteht auf ihren Irrtum, weshalb Brendel angesichts dieser selbstsicheren Ignoranz schließlich schrumpft und tatsächlich zu einer Woody Allen-Miniatur mutiert.

"Eune Eule kommt selten alleun" dichtet Brendel in "Eule gut alles gut" in bester Jandl-Manier, ohne dabei seine künstlerische Eigenständigkeit vermissen zu lassen.
Makaber wird es in der Geschichte vom Fensterputzerl, dem das Dachdeckerl ein Ziegelein aufs Kopferl hat fallen lassen, worauf es kein Muckserl mehr hervorgebracht hat.

Das Lachen ist das wesentliche Strukturelement aller Geschichten Brendels, die teilweise auch vom Lachen handeln, es auf jeden Fall aber beim Leser auslösen.

Eva Reichmann
3. September 1997



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