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| Clemens Eich | |
| Aufzeichnungen aus Georgien Mit einem Nachwort von Ulrich Greiner. Frankfurt / Main: S. Fischer, 1999. 125 S., geb.; DM 28.-. ISBN 3-10-017007-5. "Mein Beutebuch aus Georgien", so hat Clemens Eich sein Projekt im Exposé an den Verlag genannt. In dieser Bezeichnung schwingt vieles mit, was das schmale, posthum veröffentliche Bändchen assoziieren läßt: Das Abenteuer, die Gefahr, das Aneignen des Fremden und das rasche Davonlaufen mit dem Eroberten, wobei manches aus dem nicht geschlossenen Beutel fällt ...
Die Aufzeichnungen aus Georgien beginnen in einem desolaten, georgischen
Spital, wo der Ich-Erzähler erwacht und feststellen muß, daß er ein
verletztes Auge hat. Um das Auge zu retten, muß die Reise, kaum daß sie
begonnen hat, abgebrochen werden. Allerdings nicht ohne den Vorsatz
wiederzukommen. Die Publikation wird von Eichs Exposé an den Verlag und dem Nachwort Greiners beschlossen. Dieses Nachwort ist einerseits eine Würdigung des letztes Jahr unerwartet verstorbenen Autors und andererseits eine Tatsachenrecherche zu Georgien (Eich war insgesamt dreimal in Georgien). Außerdem untersucht Greiner das Motiv der Grenze, das Eich schon im "Steinernen Meer", seiner letzten Publikation zu Lebzeiten, beschäftigt hat.
Die Aufzeichnungen aus Georgien" sind explizit sehr nah an der Realität
angelegt und dennoch ein Text, der Fiktion auslöst. Er beschäftigt sich mit
der eigenen Herkunft, den Eltern, dem Herkunftsland, auf das aus der Fremde
der Blick zurück (oder nach Hause) gewandt wird. Auch der Blick auf
Georgien selbst ist ein Blick zurück, insofern es an das Europa vor 200
Jahren erinnert. So ist es, trotz aller Tristesse, ein Märchenland: Die
Guten sind arm, die Reichen korrupt oder verbrecherisch. Die Männer sitzen
beisammen, trinken und reden, ohne dabei die Distanz zueinander aufzugeben.
Die Frauen bleiben im Hintergrund, hätten aber die eigentlichen Geschichten
zu erzählen. Und es ist ein Land, das den Erzähler ängstigt: Immer wieder
fühlt er sich bedroht, manchmal rechnet er sogar mit dem Äußersten, mit dem
Tod.
Insgesamt ist die vorliegende Publikation wohl nicht so, wie sie dem Autor vorschwebte. Geplant waren etwa 200 Seiten, eine geschlossene Sammlung von Prosa, die das Gesamtbild eines kaukasischen Teppichs vermittelt. Als Fragment, das der gesamte Text schließlich geblieben ist, haftet ihm aber der Zauber des Unfertigen und der Andeutung an. Das Ausgesparte, Fallengelassene, Verlorene ist der Raum des Denkens. Und so gesehen entsprechen die "Aufzeichnungen aus Georgien", gerade so wie sie sind, dennoch den Plänen Clemens Eichs: "Zu Ende gedacht - was man hierzulande so sehr liebt, bis nichts mehr übrigbleibt - sollte nach Möglichkeit nichts sein." (S. 116) Petra M. Rainer |
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