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Leseprobe
Karls ungewöhnlicher Nachname läßt sich bis ins vierzehnte Jahrhundert zurückverfolgen. Der Luxemburger Kaiser Karl IV. hatte um 1360 deutsche Handwerker dazu aufgerufen, Böhmen zu besiedeln. Die Einwanderer, die diesem Wunsch entsprachen, trugen ihren Gehorsam fortan im lateinischen Namen Sequens (von sequi "folgen, nachfolgen") zur Schau. Karls Vorfahren ließen sich in Chotebor nieder, wo sie über Generationen das Tuchmachergewerbe ausübten und zu einigem Wohlstand kamen. Aber Mitte des vergangenen Jahrhunderts verarmte die Familie infolge der übermächtigen Konkurrenz britischer und niederländischer Manufakturen. Karls Großvater mußte sich bereits als Spengler in einer Brünner Fabrik verdingen. Auch sein Sohn, Karls Vater, ergriff diesen Beruf. Er leistete den dreijährigen Militärdienst als Artillerist in Bosnien ab, übersiedelte nach Wien und trat in den handwerklichen Dienst der k. u. k. Staatsbahnen, wo er es zum Adjunkt brachte. 1904 ehelichte er Rosa Maria Kolibal, Tochter eines Berufskollegen im mährischen Tischnowitz. Im Jahr darauf kam Karl zur Welt, 1906 Rosemarie. Die beiden Geschwister wuchsen in Wien-Floridsdorf auf, in einem Wohnhaus für Eisenbahnerfamilien in der Angererstraße 18, Zimmer Kabinett, Wasser und Klo auf dem Gang. (S. 8f.)
Noch hoffte sie auf späte Heimkehr. Wer weiß, sagten die Nachbarn, vielleicht haben ihn die Russen verschleppt. Sie sagten das in der festen Überzeugung, mit der sie für alles, was ihresgleichen widerfuhr, einen Schuldigen fanden; so lange sagten sie es, bis Herminia geneigt war, sich an diese Möglichkeit zu klammern. Stalin und die Seinen, hatten sie nicht schon in Spanien ihre eigenen Leute verfolgt.
Doch eines Tages, Wochen nach dem Fräulein Berger, tauchte ein Fremder in Zielheim auf. Egon Steiner, Spanienkämpfer aus Wien. Er sagte, Karl und er hätten versprochen, einander den letzten Liebesdienst zu erweisen. Deshalb sei er hier. Er sei dabeigewesen, beim Transport von Auschwitz nach Dora Mittelbau, im offenen Waggon. Er sei dabeigewesen, als sie den höllischen Durst mit Schnee zu löschen versuchten, als Karl fiebernd auf fauligem Stroh lag, als ein SS-Mann die Pistole hob und auf Karl richtete. Der dünne Blutfaden auf Karls Mund, davon sagte er nichts. Er sagte (und schämte sich dafür, es zu sagen), der letzte Gedanke seines Gefährten habe ihr und dem Kind gegolten.
Herminia nickte, dankte, weinte, wollte ihn wegschicken und nicht gehen lassen.
Als ihre Tochter von der Schule nach Hause kam, sagte sie: Gloria, dein Vater ist tot.
Und Gloria dachte, jetzt muß ich sehr stark sein.
Ja Mama, das ist sehr traurig.
Da ich meinen Vater nicht gekannt habe, sagt sie, hat es mir nicht so sehr weh getan. (S. 60f.)
© 1999, Diogenes, Zürich.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags. |