| So what!
Roman.
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2001.
239 S., geb., DM 29,90. ISBN 3-455-01947-1.
"Was wäre die Welt ohne Freundinnen, dachte Lilli. Eine schwarze, kalte
Galaxie." (S. 173)
Die Protagonistinnen von Marlene Faros neuestem Roman sind:
Lilli, 42, Ex-Ehefrau eines erfolgreichen Architekten, Mutter von
11jährigen Zwillingen und Fotoreporterin, die nach jahrelanger Jobabstinenz
den Wiedereinstieg in die Branche sucht.
Paola, Talkmasterin, die sich vom unscheinbaren, ehrgeizigen Teenager zur
strahlenden Medienfigur gemausert hat. Sie ist eine zeitgemäße,
selbstbewusste Mitvierzigerin, ein Single, der sich regelmäßig mit
männlichem Frischfleisch eindeckt.
Nesrin, persischer Abstammung, Zahnchirurgin, ihres Zeichens alleinlebender
Workaholic ohne jegliche Ambitionen auf partnerschaftliche Verhältnisse. Aparte Schönheit Anfang 40, deren Vergangenheit in Bezug auf Männer mit einer kurzen Ehe und einer Affäre mit dem Ehemann ihrer Freundin Katharina
ausreichend beschrieben ist.
Katharina, ebenfalls über 40, hat ihren Beruf als Logopädin ausschließlich der Bewunderung und Unterstützung ihres Ehemannes, des weithin bekannten Herzchirurgen Leo Beckmann, sowie der Erziehung ihrer beiden Sprösslinge geopfert.
Alle vier haben irgendwie durch Zufall zueinandergefunden. So
unterschiedlich sie nach außen hin erscheinen mögen, eines haben sie
allemal gemeinsam: die Fähigkeit zur dekorativen Fassadenmalerei. Während
finanzielle Sorgen nicht einmal Randerscheinungen ihres Lebens sind, hat das
Älterwerden - in welcher Konstellation auch immer - an allen vieren
physische und psychische Spuren hinterlassen.
"In Würde altern" - das ist wohl eine der provokanten Devisen, die sich die Mediengesellschaft als Werbeslogan für die nächsten Jahrzehnte aufs Lätzchen gemalt hat. Marlene
Faro geht mit dieser Kampfansage an die Natur geschlechtsspezifisch ins
Gericht, schließlich lastet der Druck auf den Frauen ungleich unbarmherziger als
auf den Männern. Unterm Strich kommt ihr Roman zum bekannten Schluss,
dass Frauen oft wie Wegwerfprodukte bzw. Produkte mit Ablaufdatum gehandelt werden, während Männer ihren Marktwert auf deren Kosten durchaus halten, wenn nicht sogar steigern können.
Alles in allem geht es in "So what!" um Phänomene wie Alter(n), Eitelkeit,
Freundschaft, Solidarität, um die menschliche Waren- und Konsumwelt, deren Zwänge den Einzelnen mehr und mehr unter Druck setzen. Marlene Faro urteilt mit Witz, Ironie und Sarkasmus über das Dilemma der westlichen Konsumgesellschaften.
Die Autorin konterkariert den kaum fass- und haltbaren Zustand von Glück ihrer vier Hauptfiguren durch Alltagsszenen.
Die Romankulisse ist überaus haptisch, wenngleich auch streckenweise
dermaßen international/ortsunspezifisch, dass man, würde man nicht zufällig
"Stadtpark" lesen, auf irgendeine beliebige Stadt der westlichen Hemisphäre tippen könnte.
Spektakuläre bzw. mystische Splitter aus der Vergangenheit wirken etwas
abgehoben von der Alltagstragödie dieser vier Frauen, die sich sonst jedoch gut als
Filmcharaktere vorstellen ließen.
Die tödlich endende Jugendfreundschaft Lillis mit einer gewissen Winifred
steht gleichnishaft über dem furiosen Showdown des Romans.
"Hätte ich dich damals retten können, Winnie? Bin ich zu spät gekommen?
Verpasste Chance", dachte Lilli. "Noch einmal passiert mir das nicht." (S. 220)
Katharinas Seifenblase der perfekten Familienidylle zerplatzt - wie nicht anders vorauszusehen - am skrupellosen Ehrgeiz ihres strahlenden Ehegatten, der zu guter Letzt aus Gründen des Machtanspruchs auch noch den
Nachwuchs einfordert. Lilli, Paola und Nesrin raffen sich aus den
Konstrukten ihrer vermeintlichen Selbstzufriedenheit auf. Sie zeigen sich
erfinderisch und bewahren die nur noch als Schatten ihrer Selbst
dahinvegetierende Freundin vor ihrem Schicksal, indem sie das des Ehemannes
manipulieren - mit tödlichem Ende.
Und die Moral von der Geschichte? "Ein Gefühl, das nur die Männer kennen -
Freundschaft ist sein Name", so zitiert Katharinas Ehemann den ungarischen
Autor Sandor Maray. Frauenfreundschaften sind durchaus möglich, und ihre
Kraft sprengt wohl alle Grenzen - zumindest wenn es ums Altern geht. Or what?
Claudia Holly 13. August 2001
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