![]() |
|
Ludwig Fels
Mister Joe. Ludwig Fels ist kein Unbekannter auf den Emerging markets der Literatur. Lange nach Bowles, Burroughs, Camus, Gide und Goytisolo hat er beispielsweise in Nordafrika investiert, und zwar 1993. Damals ist sein Buch "Bleeding Heart" entstanden, eine Art trunkener Monolog aus den Wüsten des Herzens und den vermaledeiten Basaren der Gefühle. Mit seinem neuesten Opus wendet sich Fels erneut einem sogenannten Emerging market zu, diesmal den Philippinen. Und wieder kommt er reichlich spät. Man erinnert sich gerade noch an Bodo Kirchhoffs Bestseller-Roman "Infanta" aus dem Jahr 1989. Wie "Infanta" ist "Mister Joe" ein solider Roman, mit einer Geschichte, die einen klaren Anfang und ein glückliches Ende hat. Damit es formal nicht gar zu einfältig zugeht, ist die Handlung spiegelbildlich angelegt. Die zwei Protagonisten befinden sich in einer vergleichbaren Situation, sind liebesbedürftig bis zur Verzweiflung, weil sie nach vielen Ehejahren nun plötzlich ohne Frau und Tochter dastehen. Der eine ist ein gewalttätiger, aber grundsolider Polizist, der andere ist noch gewalttätiger und weder Polizist noch grundsolide, sondern Arzt, zynisch und mit einem Mutterkomplex belastet. Herr Inspektor Petruzalek von der Sitte führt das, was man in Wien ein patschertes Leben nennen würde. Kerr alias Mister Joe, der eiskalte Arzt mit Villa im Grünen, ist im Grunde ein ebenso armer Tropf wie der Polizist. Dieser jedoch zeigt in der Verzweiflung so etwas wie Menschlichkeit, jener wird zum Tier und Kinderschänder. Immer dann, wenn es ihm schlecht geht, er seine dominante Mutter nicht mehr aushält und ihn sein Hund nicht mehr aufzumuntern vermag, fliegt Mister Joe zum Doktorspielen nach Manila. Seine bemitleidenswerten Patientinnen macht seine Behandlungsweise aber alles andere als gesund. Am Ende kostet sie ihn selbst das Leben, während Petruzalek mit einer philippinischen Krankenschwester auf einer rosaroten Wolke entschwebt.
Zuvor muß leider noch diverses Romanpersonal sterben. Kerrs Tochter Brandis aber wird im letzten Moment von Petruzalek gerettet. Der Tod des Arztes wird als großer Showdown mit den Mitteln des klassischen Actionfilms inszeniert. Er hängt zusammen mit der philippinischen Mafia, einem jungen Drogenkurier namens Mike, dessen kindliche Freundin Rosario Kerr auf dem Gewissen hat, und mit dem Elend der Dritten Welt im besonderen sowie dem Elend der Menschheit im allgemeinen. Genausowenig wie "Bleeding Heart" eine richtige nordafrikanische "Aktie" war, genausowenig ist "Mister Joe" eine durch und durch philippinische. Über den Umweg Philippinen spekuliert Ludwig Fels nämlich auf die Märkte des Westens, er spekuliert darauf, daß die Notierung des Titels "Kinderpornographie" noch weiter steigt. Und er spekuliert auf den Film zum Buch. Entsprechend dick trägt er auf: "Ohne die Liebe ist der Mensch ein Krüppel, und die Gebrechen der Einsamkeit sind wie ein vorweggenommener Tod." Zugegeben, solche Sätze ziehen rein, und oft folgt der Rührung des Lesers reflexartig das Schluchzen. Emerging markets hin, Emerging markets her: Ludwig Fels war einmal ein Dichter. "Mister Joe", ein mit den Elementen der aufklärerischen Fabel, des Schauerstücks und der naiven Kunst angereicherter Thriller, der eigentlich eine Love Story, die eigentlich eine Schnulze ist, zeigt ihn unterwegs nach Hollywood. Und zu diesem Zweck hat er sich verwandelt - in einen Emerging poet. Walter Vogl |
![]() |
| ||||
| Weiße Schrift auf weißem Grund beim Ausdrucken? Klicken Sie hier ---^ | ||||