LESEPROBE


Franzobel
Mundial. Gebete an den Fußballgott.
Graz, Wien: Literaturverlag Droschl, 2002.
Ill.: Carla Degenhardt.
132 S., brosch., EUR 15.-.
ISBN 3-85420-592-9.

König Fußball regiert die Welt. Erst die WM-Qualifikation, dann die Champions-League, dazu österreichische Bundesliga und Cup, Freundschaftsspiele des Nationalteams und jetzt die Weltmeisterschaft in Japan und Korea. Wer dem Stand hält, hat Bewunderung verdient. Fußball ist omnipräsent. Täglich gibt es auf irgendeinem Fernsehkanal ein Fußballspiel zu sehen oder zumindest Vor- oder Nachberichte. Fußball jetzt auch noch in der Literatur. Manche, die vom grünen Fieber nicht gepackt sind, werden es nicht begreifen. Wie kann man bloß über ein Spiel schreiben, bei dem 22 verrückte Männer (und immer mehr Frauen) 90 Minuten lang einem Ball nachlaufen und versuchen, ihn im Netz, das das Glück der Welt bedeutet, unterzubringen?
Warum wird eigentlich so wenig über Fußball geschrieben, könnte man aber auch fragen, ist es doch eines der bedeutendsten gesellschaftlichen Phänomene unserer Zeit? Dass man über die runde Sache mit Witz und Tiefgrund schreiben kann, haben in jüngster Zeit etwa Javier Marias (Alle unsere früheren Schlachten. Stuttgart: Klett-Cotta 2000) oder Thomas Brussig (Leben bis Männer. Frankfurt: Collection S. Fischer 2001) bewiesen. Nun also schickt Franzobel seine Fußball-Essays an den Leser, seine Gebete an den Fußballgott.

Im ersten Moment der postejakulatorischen Niederlagsdepression schwört man sich: Nie wieder! Nie mehr Fußball. Aus! , doch schon ein paar Stunden später ist es wieder da, das Hättmawamasamma-Vieh, grast alles ab und blökt: Hätten wir eine andere Auslosung gehabt, hätte der Stürmer Haas, nicht der Pudding, den einen oder anderen reingetan, hätte der Torhüter Konsel, nicht der Esel, noch gespielt.
Die Liebe zum Fußball, zu einem Verein, ist immer eine Haßliebe, ein ständiges auf die Probe stellen, ein ewiges Auf und Ab: glänzende Tore und haarsträubende Abspielfehler, heroisch erkämpfte Siege und peinliche Niederlagen, unverdiente Remis, Ausgleichstore in der Nachspielzeit - das macht Fußball aus. Franzobel schreibt über den argentinischen Fußball, den er aus eigener Anschauung kennt, über Spielermaterial, das einem buchstäblich auf den Kopf fällt. Natürlich darf der 21. Juni 1978 nicht fehlen: Cordoba natürlich, als unser kleiner Pflug (Marke Steyr-Puch) den Untertürkheimer Unbesiegbarkeitsacker gestochen hat, als unser aller Hansi-Burli den Erzfeind Deutschland k. o. geschossen hat.
Er fragt sich, ob alle Spieler nach ihrer Karriere Tankstellenpächter sind (nein, einige sind Trafikanten) und was Menschen dazu treibt, Schiedsrichter zu werden. Die Schiri-Rolle ist ja die undankbarste überhaupt: niemals geliebt, schlecht bezahlt, immer der Buhmann.
Schiedsrichter waren für den jungen Schülerligaspieler Franzobel Despektspersonen, Unsympathler, potentielle Päderasten. Ihre ganze Autorität waren eine lächerliche Pfeife und die Dressen mit kurzer Hose, damals noch in Schwarz, Bestatterfarbe.
Fußball ist, so seine Thesen, ein Großfamilienersatz, ein spermazoides Spiel. Er fragt sich, warum Frauen und Fußball nicht so richtig zusammenlaufen, warum man das weibliche Geschlecht immerfort wegzutestosteronisieren versucht und schlägt - ein wirklich interessanter Gedanke - vor, eine Frau zur österreichischen Teamchefin zu machen: Spontan fällt mir etwa Anneliese Rohrer ein, aber auch Jessica Hausner, Elke Winkens oder die Hohenbüchler-Schwestern fände ich gut. Man stelle sich vor!
Fußball, schreibt er, das ist Tango, wo es um die Taktik geht, um Denksysteme, Schrittkombinationen, kleine Zeichen, Strategie und Glück, um Schwung und Harmonie, wo man eine Allegorie des Lebens sehen kann. Schade nur, dass einige Ungenauigkeiten (falsche Namen, falsche Zuschreibungen von Zitaten) die Lektüre stören. Hier hätten mehr Sorgfalt seitens des Verlages und des Autors nicht geschadet.

Ein wenig irritierend ist auch, dass am Ende des Buches plötzlich der Winter den Sommer besiegt, der Schnee den grünen Rasen bedeckt: Plötzlich schleichen sich Texte über die Skination Österreich ein. Grün und weiß, das geht nur bei Rapid zusammen. Franzobel hätte am Ball bleiben sollen.
Trotz einiger weniger Fehlpässe ist das Buch recht empfehlenswert, ein paar starke Dribblings, einige schöne Tore hat Franzobel da geschafft, mehr jedenfalls als der österreichische Fußball momentan.
Und jenen, die vom Untergang des runden Leders träumen, sein Verschwinden aus sämtlichen Fernsehkanälen, Zeitungen und Radiosendern herbeisehnen, denen sei folgendes noch mit auf den Weg gegeben: Das Universum Fußball hat keine Grenze. Immer geht es weiter, mit oder ohne Österreich. Und kaum ist es wo zu Ende, setzt es sich schon im Paralleluniversum eines Nachtragsspieles fort. Kaum ist man aus der einen Tabelle draußen, fängt auch schon die nächste an. Die Hoffnung, sie stirbt nie, und niemals reicht sie aus.

Textauszug, S. 34 f. Vielleicht hat besonders Fußball - wie tendenziell auch jeder andere Mannschaftssport - etwas mit dem Ersatz der Großfamilie zu tun, der Sippe. Was in einer föderalistisch-ländlichen Struktur in Bauer, Großknecht, Knecht und Depp unterteilt war, wird im während der Industrialisierung entstandenen Fußball als Spielmacher, Stürmer, Mittelfeldspieler, Vorstopper, etc. numeriert. Daneben gibt es Kaiser, Herzöge und Wohlfahrt, Manager, Trainer, Platzwart. Was früher in der Gemeinschaft und ihren festen Sitten und Gebräuchen Ordnung und Kodex fand, ist den Holzhackern und Bloßfüßigen im FIFA-Regelwerk ans Bein gestrengt. Waren die Vollstrecker dieser Gerichtsbarkeit im wirklichen Mittelalter mit Strafverfügungen wie Prügel, Essensentzug und Entkommunizierung ausgestattet, haben die Instanzen im Fußball bloß gelbe und rote Karten, die vielleicht für Fegefeuer und Hölle stehen. Wie das Recht galt auch das Fußballregelwerk lange Zeit als gottgegeben, bis man vor einigen Jahren, zum Unmut vieler, einige Modifikationen durchführte (Rückpassregel, Abseits auf gleicher Höhe, etc.). Für das Abseits, das Abc für die Analphabeten unter den Zusehern, sind übrigens die im Österreichischen als Outwachler umkosten Linienrichter zuständig, deren dubiose Rolle vor allem darin besteht, Vergehen anzuzeigen - vergleichbar vielleicht den Hinweisanrufern der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst. Ist es also ein Trieb nach Sippe, nach Gemeinschaft, menschelnder Wärme und Brut, der die Anhänger zu den Vereinen strömen lässt, die Menschen für den Fußball interessiert? Ich vermute es. Wird doch hier eine Ordnung vorgelebt mit einem System von Gut und Böse, einigermaßen festen Regeln, einer in Punkten messbaren Zählbarkeit, die in vielen anderen Segmenten der Gesellschaft ins Wanken, Umspringen und Undeutliche geraten ist. Im Fußball steht sie fest. Es gibt eine Tabelle, Nah- und Fernziele, den Abstiegskampf, die Meisterschaft. Und das ist wohl ein weiterer Punkt, der diesen Sport so populär macht - auch oder gerade unter Schriftstellern: man kann darüber reden, ohne sich gleich zu veräußern.

Peter Landerl
11. Juni 2002

Originalbeitrag

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