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| Franzobel | |
| Mundial. Gebete an den Fußballgott. Graz, Wien: Literaturverlag Droschl, 2002. Ill.: Carla Degenhardt. 132 S., brosch., EUR 15.-. ISBN 3-85420-592-9.
König Fußball regiert die Welt. Erst die WM-Qualifikation, dann die Champions-League, dazu österreichische Bundesliga und Cup, Freundschaftsspiele des Nationalteams und jetzt die Weltmeisterschaft in Japan und Korea. Wer dem Stand hält, hat Bewunderung verdient. Fußball ist omnipräsent. Täglich gibt es auf irgendeinem Fernsehkanal ein Fußballspiel zu sehen oder zumindest Vor- oder Nachberichte. Fußball jetzt auch noch in der Literatur. Manche, die vom grünen Fieber nicht gepackt sind, werden es nicht begreifen. Wie kann man bloß über ein Spiel schreiben, bei dem 22 verrückte Männer (und immer mehr Frauen) 90 Minuten lang einem Ball nachlaufen und versuchen, ihn im Netz, das das Glück der Welt bedeutet, unterzubringen?
Im ersten Moment der postejakulatorischen Niederlagsdepression schwört man sich: Nie wieder! Nie mehr Fußball. Aus! , doch schon ein paar Stunden später ist es wieder da, das Hättmawamasamma-Vieh, grast alles ab und blökt: Hätten wir eine andere Auslosung gehabt, hätte der Stürmer Haas, nicht der Pudding, den einen oder anderen reingetan, hätte der Torhüter Konsel, nicht der Esel, noch gespielt.
Ein wenig irritierend ist auch, dass am Ende des Buches plötzlich der Winter den Sommer besiegt, der Schnee den grünen Rasen bedeckt: Plötzlich schleichen sich Texte über die Skination Österreich ein. Grün und weiß, das geht nur bei Rapid zusammen. Franzobel hätte am Ball bleiben sollen. Textauszug, S. 34 f. Vielleicht hat besonders Fußball - wie tendenziell auch jeder andere Mannschaftssport - etwas mit dem Ersatz der Großfamilie zu tun, der Sippe. Was in einer föderalistisch-ländlichen Struktur in Bauer, Großknecht, Knecht und Depp unterteilt war, wird im während der Industrialisierung entstandenen Fußball als Spielmacher, Stürmer, Mittelfeldspieler, Vorstopper, etc. numeriert. Daneben gibt es Kaiser, Herzöge und Wohlfahrt, Manager, Trainer, Platzwart. Was früher in der Gemeinschaft und ihren festen Sitten und Gebräuchen Ordnung und Kodex fand, ist den Holzhackern und Bloßfüßigen im FIFA-Regelwerk ans Bein gestrengt. Waren die Vollstrecker dieser Gerichtsbarkeit im wirklichen Mittelalter mit Strafverfügungen wie Prügel, Essensentzug und Entkommunizierung ausgestattet, haben die Instanzen im Fußball bloß gelbe und rote Karten, die vielleicht für Fegefeuer und Hölle stehen. Wie das Recht galt auch das Fußballregelwerk lange Zeit als gottgegeben, bis man vor einigen Jahren, zum Unmut vieler, einige Modifikationen durchführte (Rückpassregel, Abseits auf gleicher Höhe, etc.). Für das Abseits, das Abc für die Analphabeten unter den Zusehern, sind übrigens die im Österreichischen als Outwachler umkosten Linienrichter zuständig, deren dubiose Rolle vor allem darin besteht, Vergehen anzuzeigen - vergleichbar vielleicht den Hinweisanrufern der Sendung Aktenzeichen XY ungelöst. Ist es also ein Trieb nach Sippe, nach Gemeinschaft, menschelnder Wärme und Brut, der die Anhänger zu den Vereinen strömen lässt, die Menschen für den Fußball interessiert? Ich vermute es. Wird doch hier eine Ordnung vorgelebt mit einem System von Gut und Böse, einigermaßen festen Regeln, einer in Punkten messbaren Zählbarkeit, die in vielen anderen Segmenten der Gesellschaft ins Wanken, Umspringen und Undeutliche geraten ist. Im Fußball steht sie fest. Es gibt eine Tabelle, Nah- und Fernziele, den Abstiegskampf, die Meisterschaft. Und das ist wohl ein weiterer Punkt, der diesen Sport so populär macht - auch oder gerade unter Schriftstellern: man kann darüber reden, ohne sich gleich zu veräußern. Peter Landerl Originalbeitrag Hinweise auf weitere Rezensionen bietet unsere Online-Datenbank zum Zeitungsausschnittarchiv |
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