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Leseprobe
Länger als das Land von den Soldaten der Allierten war das Wort
Österreich von denen besetzt worden, die sich mit ihm über jeden
Verdacht erhaben und außer Diskussion gestellt wähnten. So wurde
Österreich für die Skeptischen der jungen Österreicher nach und
nach zum Inbegriff der Vertuschung, an der sie litten und die sie nicht
aufzubrechen wußten. Beflügelt von Enttäuschung, wagten sie
stattdessen den großen Sprung - den Sprung von Gefühl und
Gedanke, der sie ein ganzes Land mit denen verwechseln ließ, die sich
seinen ideologischen Besitz teilten. Damit wurde es endlich leichter.
Alles an Österreich war künftig irgendwie mißraten, und was nicht
mißraten war, konnte nichts mit Österreich zu tun haben, was in
Österreich geschah, war folglich entweder österreichisch, also
provinziell, oder nicht provinziell, also nicht österreichisch. Kaum
brach einer in den rebellischen sechziger, siebziger Jahren mit der
Selbstzufriedenheit, mit der vom Präsidenten bis zum Schulwart alle
Repräsentanten des Staates unverwundbar dick gepolstert schienen,
schon schlug seine Revolte nicht gegen diese Repräsentanten, sondern
gegen Österreich im allgemeinen.
Denn da die Geschichtslosigkeit unser Verhängnis ist, wurde sie von
Generation auf Generation weitervererbt, und die da antraten, die
Väter für ihre flinke Vergeßlichkeit zu tadeln, vergaßen
begeistert gleich selber, was ihnen nicht ins Konzept paßte. Die
Kritik glaubt sich bei uns immer ganz neu und hat doch ahnungslos wie
respektlos, von den Wünschen und Plänen, den Kämpfen und
Niederlagen der Vorangegangenen bloß nicht Kenntnis genommen.
Nirgendwo sonst können sich daher Biedermänner so lange als
Rebellen, historische Spätlinge als Avantgardisten aufspielen:
Jedesmal, wenn sie das Rad neu erfinden, glauben sie sich kühn über
alle Erfahrung der Welt hinweggesetzt zu haben.
Was ihnen, die die Zweite Republik der Gründerväter kritisierten
und sich dabei ein Österreich des ewigen Faschismus, der allezeit zu
jeder Meucheltat bereiten Untertanen erfanden, alles nicht ins Konzept
paßte: die Entwürfe einer demokratischen, seiner Geschichte
innewerdenden Nation, wie sie im Exil und Widerstand und von gar nicht
so wenigen Häretikern der Zweiten Republik verfochten wurden; die
patriotischen Pläne, die auf eine selbstkritische, keine
selbstzufriedene Republik zielten; die Österreicherinnen und
Österreicher, deren Träume mit der Prosperität keineswegs
erfüllt waren; die Versuche, die Revolten und Brüche der Geschichte
bekannt zu machen, die subversiven Momente der österreichischen
Identität zu fördern, an soziale und kulturelle Errungenschaften
der Ersten Republik anzuschließen, die realen, die nicht
operettenhaft verklärten Traditionen einer österreichischen
Weltoffenheit zu nutzen . . . Ach, so vieles, das ihnen nicht ins Bild
paßte, haben die vergeßlichen Kritiker österreichischer
Vergeßlichkeit einfach gestrichen, verleugnet, sich wahrzunehmen, zu
erforschen, aufzuspüren geweigert. Österreich wurde mit dem Negativ
identifiziert, das entsteht, wenn man das allgemein bekannte,
halbamtliche Farbfoto in der Dunkelkammer der Geschichtslosigkeit
nachbehandelt; die Wahrheit ist aber nicht zu entwickeln, wenn bloß
die Farben getilgt werden, in denen ein Bild gehalten ist, und schwarz
erscheint, was zuvor farbig war. Nicht die Farbe, das Bild war falsch. (S. 17ff.)
Aus dem Amt gejagt, von der Obrigkeit malträtiert und einer
aufgehetzten Meute verfolgt, hungernd oder in Bitternis verstummt -
die österreichische Literatur prägt sich gleich in jener Epoche, da
sie einige ihrer lange fortwirkenden Traditionen begründet, in drei
Charakteren aus, denen wir in der unbekannten, der abgewiesenen und
verleugneten Kultur dieses Landes noch öfter begegnen können. Wie
verschieden sie an Talent und Naturell auch waren, allen dreien,
Weidmann, dem hungrigen Gelehrten, Geißau, Berghofer, gebrach es
gleichermaßen an jener Frömmigkeit des stillen Verzichts, die für
die Literatur ihrer Zeit als bestimmend galt und seither oft gar für
das eigentliche Wesen des Österreichischen ausgegeben wurde.
Die Religion des Maßes und der Zufriedenheit haben sie nicht
verkündet und der Weisheit des Duldens und bescheidenen Ertragens nie
gehuldigt. Unzweifelhaft, daß ihr Auftritt gescheitert ist, nicht nur
weil sie von der Bühne geschickt wurden, sondern auch weil die
kommenden Generationen vergaßen, daß sie überhaupt aufgetreten
waren. Nur weil das Historische bei uns ganz abgetan ist, können die
sogenannten Patrioten und die sogenannten Nestbeschmutzer, die biederen
Verehrer wie die blinden Verächter Österreichs einander so
familiär ergänzen. Geifernd verwandt, sitzen sie vor dem
nämlichen Bild, nur deuten sie es anders. Was dem einen als Idylle
teuer, ist dem anderen als Hölle heilig. Entscheidend aber bleibt,
daß sie vor einer Fälschung sitzen. Denn aus ihrem Gemälde
Österreichs ist die Spur der Revolte getilgt, die sich durch die
österreichische Geschichte zieht.
Das trotzige Verlachen der Mächtigen wie der Macht der
Verhältnisse, die Unversöhntheit noch im Scheitern - diese Formen
der Revolte sind in der österreichischen Literatur das ganze 19.
Jahrhundert über mindestens so häufig anzutreffen wie die
verschiedenen Formen der Aussöhnung mit Welt, Herrschaft, Ordnung.
Seltsam, daß in das Bild der österreichischen Literatur diese
Widerständigkeit kaum, die Aussöhnung aber überdeutlich
eingezeichnet ist - eine Aussöhnung, die ihr von ihren Verehrern
gerne gutgeschrieben, von den Verächtern vorgeworfen, jedenfalls der
österreichischen Literatur von beiden gleichermaßen zugeschrieben
wird. (S. 138f.)
(c) 1998, Paul Zsolnay Verlag Gesellschaft m. b. H., Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags. |