Gloria Kaiser - "Anita Garibaldi"
Leseprobe

Anita erinnerte sich an die Geschichten, die über Evaresto erzählt worden waren. Er habe als Kind verraten, wer der Liebhaber seiner Mutter gewesen sei, daraufhin habe diese Frau ihm ein Stück der Zunge weggeschnitten.
Evaresto brachte das Maultier, es hinkte.
"Nein, Evaresto, wir brauchen gesunde, kräftige Pferde", lachte Anita.
Der Alte schüttelte den Kopf. Er habe nur mehr Maultiere, und die würde kaum jemand mieten, denn diejenigen, die Pferde bräuchten, die hätten sich längst eigene gekauft. In Laguna würde niemand mehr ein Pferd mieten, es habe sich vieles geändert hier.
Anita strich Evaresto über den Arm, über die Bartstoppeln an der Wange. "Ist schon gut, ich reite voraus ins Kloster zu Pater Augusto. Die Männer, meine Freunde, sie werden hier auf mich warten. Schläft Senhor Arminio schon? Pfeif ihm, es kommen Gäste, er soll seine scharfen Soßen und das geröstete Brot auftischen." Anita lachte und schüttelte den Kopf, als Evaresto ihr neuerlich sagte, hier sei jetzt alles anders, als er sie zurückhalten wollte: "Ins Kloster? Nein, nicht zum Kloster reiten."
Als hätte Anita die langsamen, trägen Tage abgestreift, jagte sie auf das Kloster zu.
"Pater, man erlaubte mir nicht, Ihnen zu schreiben, vielleicht wäre ich dazu auch gar nicht imstande gewesen, ich bin ja aus der Übung gekommen. Ich wollte Ihnen mitteilen, daß ich in Rio zu nichts nütze war. Wie eine Katze lebte ich, manchmal war ich sehr böse und schlug die Dienstboten. Irgendwie mußte ich die Qual, die mir das Nichtstun bereitete, abarbeiten. Jetzt bin ich zurückgekommen, und mit dem ersten Tritt auf die Erde von Laguna habe ich meinen inneren Takt wiedergefunden. Ich werde mich nicht mehr unterbrechen lassen, ich werde mein Haus bauen, es Stein für Stein zusammentragen. Mag sein, daß manche Steine störrisch sind, sich nicht anpassen wollen, nicht aneinanderfügen wollen, dann werde ich sie abschleifen lassen, bis ich eine geworden bin, die in dieses Haus paßt, sich einfügt ohne Fuge, bis ich eine geworden bin, die notwendig war, eine Notwendigkeit für bestimmte Jahre, für bestimmte Ereignisse."

(S. 115f.)

© 2001, Haymon, Innsbruck.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.





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