Gert Jonke

Schule der Geläufigkeit.
Erzählung.
Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1977.

"Schule der Geläufigkeit", so lautet auch der Titel eines Klassikers der Klavierschule von Karl Czerny. Als Schüler von Beethoven und Lehrer von Franz Liszt ging der Pianist und Komponist Czerny in die Geschichte der Musikpädagogik ein, die sich noch heute seiner Methode des konsequenten Trainings technischer Fähigkeiten bedient.
Diese Gewichtung auf lernbare Fingerfertigkeit wurde aber auch immer wieder der Kritik unterzogen, da dadurch ein weit wichtigerer Faktor vernachlässigt würde: die Musikalität.

Jonkes "Schule der Geläufigkeit" enthält zwei Erzählungen:

  • die gegenwart der erinnerung
  • gradus ad parnassum

Im Zentrum der ersten Geschichte steht die Frage nach der (Un-)Möglichkeit der Aufhebung des Raum-Zeit-Kontinuums.
Anton Diabelli, ein Freund des Ich-Erzählers, plant die deckungsgleiche Wiederholung eines Festes, das er genau ein Jahr zuvor veranstaltet hat. Die Basis dieses Experiments mit lebenden Versuchspersonen bilden die Gegenstände und ihre Platzierung in der Landschaft. Die detailgetreue Angleichung an die Situation des Vorjahres soll die Festteilnehmer zu denselben Handlungen motivieren. Zur Dokumentation dieses Vorhabens werden Fotos angefertigt, die dann ebenfalls eine Reproduktion der letztjährigen sein sollen.

Die geplante Auslöschung von Raum und Zeit dient als Rahmen für eine Ansammlung von surrealen Vorgängen.

Der Schluß ist wieder voller Rätsel, denn einerseits gelingt das Experiment im Erleben des Ich-Erzählers, der Initiator des Festes allerdings leugnet am Ende alles. Die Dinge nehmen also wieder ihren "normalen" Verlauf.

"gradus ad parnassum" ist die Geschichte zweier Brüder, die durch ein Mißgeschick am Dachboden eines Konservatoriums eingesperrt werden. Der jüngere von beiden ist (war) Pianist und erzählt die Begebenheit aus seiner Perspektive. Er kehrt gemeinsam mit seinem Bruder an die Wurzeln seiner "Lehre" zurück, jetzt, wo er - einstmals hochtalentiert - dem Alkohol verfallen und aus Angst (vor dem Versagen) unfähig ist, seinen Beruf auszuüben. Dieser Einbruch in seiner Karriere hängt mit dem Absturz eines Bauarbeiters direkt vor den Fenstern seines Ateliers und somit vor seinen Augen zusammen.

Sein älterer Bruder bildet das genaue Gegenstück. Weniger mit Begabung als mit Geschäftssinn beschlagen, hat er nur Augen für die Hardware des Musikgeschäfts, für die Instrumente, insbesondere für die Klaviere, die in hundertfacher Ausführung am Dachboden des Konservatoriums lagern - gänzlich verstimmt.

Vom Hausmeister entdeckt und zur Rechenschaft gezogen, werden Sie mit der Tatsache konfrontiert, daß ihr damaliger Lehrer, Hellberger, dessentwegen beide eigentlich die Stätte ihrer Ausbildung aufgesucht haben, nunmehr Direktor der Musikhochschule ist.

Während alle drei auf den Hausmeister warten (der einen Kurzschluß reparieren muß), zieht Hellberger die beiden ehemaligen Schüler ins Vertrauen und erzählt ihnen von einer Jahrzehnte zurückliegenden Begebenheit, durch die 111 Klaviere (der Zusammenhang mit der Opusziffer der letzten Beethovenschen Klaviersonate ist möglich) auf dem Dachboden des Konservatoriums landeten. Das Geschenk eines Mäzens, sollten sie die musikalische Bildung der Bevölkerung fördern. Das Chaos zweier Weltkriege und die Nachlässigkeit der Nachkriegsjahre haben nun die anfangs idealen Lagerungsverhältnisse ins Gegenteil verkehrt. Unter der Last 111 verstimmter und somit unbrauchbarer Klaviere sieht sich die Konservatoriumsleitung genötigt, diesen Umstand vor der Öffentlichkeit zu verheimlichen.

Die Geschichte endet mit der Nachricht des Hausmeisters, daß in der Zwischenzeit ein Mann angerufen hätte, der dem Koservatorium kostenlos über hundert Stück neue Klaviere zukommen läßt.

In Summe ist auch diese Erzählung voll von surrealen Momenten (etwa die Szene, wo alle Klaviere sich in Lebewesen verwandeln und als solche eine wilde Orgie feiern). Abgesehen davon beginnt mit diesen beiden Erzählungen Jonkes literarische Beschäftigung mit dem Phänomen Musik im allgemeinen und im besonderen.

Claudia Holly
27. Juli 1997





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