|
Leseprobe
Anton Ehm fand es höchst bedauerlich, dass sein Kunstwerk schon in wenigen Tagen zerstört sein würde. Er musste es zuvor fotografieren, genauso wie er seine Briefbomben im Bild festgehalten hatte. Er betrachtete das Rohr und malte sich aus, wie die Hülle bei einem Druck von rund 1.000 Bar bersten würde. Er schlüpfte in die Gummihandschuhe und umfasste das Rohr mit beiden Händen, drückte sanft gegen den neun Millimeter dicken Stahlmantel, der sich schon bald in einen dichten Splitterregen verwandeln würde.
Er bedauerte, dass die Menschen, die seine Falle berührten, auf der Stelle tot sein würden. Gerne hätte er sie langsam sterben sehen. Als Kind hatte er Tiere gemordet und mit großem Vergnügen beobachtet, wie sie langsam und qualvoll starben. Auch die Schmerzen der Opfer seiner Briefbomben hatte er mit großer Freude und Genugtuung im Fernsehen verfolgt.
Nun betrachtete er das mittlere Rohr, in dem sich die Energieversorgung und die aufwendig konstruierte Elektronik befanden. Der komplizierte Einbau auf kleinstem Raum hatte ihm all sein technisches Können abverlangt. Die Kriminalisten würden nach der Explosion an die oft nur wenige Millimeter großen Bauteilchen nicht herankommen, da er gestern den gesamten Elektronikteil in Kunstharz gegossen hatte. Sie würden die Mehrfunktionenelektronik nicht entschlüsseln können. Gut, sie konnten dem Kunstharz mit einem Säurebad zu Leibe rücken. Aber mit der Säure würde die gesamte Elektronik aufgelöst werden. Sie hatten keine Chance, die Funktionsweise der Schaltung und somit seine unverwechselbare Handschrift zu entschlüsseln.
Sicher würden sie mit Röntgenstrahlen die Transistoren, Dioden, Kondensatoren und Widerstände seiner Schaltung betrachten. Zahlreiche Laboraufnahmen vom Zündteil und vom aufgeschnittenen Mittelrohr anfertigen. Plötzlich sah er die Experten des Innenministeriums vor sich, wie sie eine Serie von Röntgenbildern in Lichtbahnen schoben und begann laut schallend zu lachen.
Auch die Beschaffenheit der verwendeten Sprengstoffe im obersten Rohrteil würde für immer ein Rätsel bleiben. Sie würden höchstens in den rauchförmigen Detonationsrückständen und Schmauchspuren Ablagerungen von verdampftem Nitroglyzerin entdecken. Er warf einen letzten Blick in den Stromversorgungsteil, betrachtete die Batterien und richtete die Schriftzüge der sechs MN 1400 Baby-Zellen exakt zentrisch zu denen der jeweils nächsten Batterie aus.
Eine Frage beschäftigte ihn immer wieder: Waren die Leute in der Siedlung bewaffnet? Konnten sie sogar auf Distanz feuern? Ganz sicher besaßen sie illegale Pumpguns und Pistolen. Es wäre verrückt, sich in dieser abgeschiedenen Siedlung nicht zu bewaffnen. Sicher hatten sie sogar Wachdienste organisiert, die auch nicht gerade mit Schreckschusspistolen durch die Gegend liefen. Er musste sich vorsehen, durfte sich diesen Leuten nicht unbewaffnet nähern.
Natürlich musste er die Umgebung der Siedlung auch einmal bei Nacht ausspionieren. Er hatte immer gewusst, dass er seinen Anschlag im Schutze der Dunkelheit durchführen wollte, um das Risiko von Zeugen möglichst niedrig zu halten. Er musste die Bedingungen prüfen, die ihn bei vollkommener Dunkelheit erwarteten. Dazu war es notwendig, das Risiko einer weiteren Erkundungsfahrt auf sich zu nehmen. (S. 58f.)
(c) 1998, Jungbrunnen, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags |