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Leseprobe
"Und? Wer von uns beiden kann die Zukunft voraussehen?"
Bruno klopfte Walerian auf die Schulter und zeigte auf das Gebäude, in dem die Gästezimmer untergebracht waren. Zwei Mädchen traten ins Freie und hielten sich die Hände vor die Augen, weil sie die Sonne blendete.
"Bei Tageslicht sieht die Sache noch vielversprechender aus", murmelte Bruno und schirmte mit der Hand die Augen ab, um die näherkommenden Mädchen in dem gleißenden Licht besser sehen zu können. Und weil er katholisch erzogen worden war, konnte er sich nicht verkneifen zu sagen:
"Mein Freund, mir scheint - ich werde heute noch im Paradies sein. Und diese rothaarige Nymphe an meiner Seite. Gleich da drüben im Rapsfeld."
"Und ich sage dir", zitierte Walerian zurück, um Bruno eine Freude zu machen, "eher wird ein Kamel durch ein Nadelöhr gelangen, als dies geschieht."
Beide verstummten und betrachteten die Mädchen, die bereits in das Freiluftcafé eintraten.
"Hierher!", rief Bruno, "meine Uhr ist schon stehengeblieben!"
Die beiden Mädchen kamen zögernd an den Tisch der jungen Männer, an den sie sich so umständlich wie möglich setzten.
"Ich bin Bruno und das ist Walerian", stellte Bruno vor.
"Wir leiden nicht an Gedächtnisschwund", sagte das rothaarige Mädchen. "Das hast du gestern viermal wiederholt. Was allerdings Sinn hatte. Seid ihr Brüder oder was?"
"Wir sind Zwillinge!", spielte Bruno den Entrüsteten. "Aber innerlich könnte der Unterschied nicht größer sein. Mein Freund", er zeigte auf Walerian, "wird eines Tages ein fetter Millionär sein und mich nicht mehr wiedererkennen, wenn er mich auf der Straße betteln sieht. Ich werde nämlich Künstler und vermutlich irgendwo arm verrecken."
(S. 123 f.)
© 2003, Piper Verlag, München.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
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