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Leseprobe
Bis vor einigen Jahren wäre ich freiwillig nicht bereit gewesen, ein Buch von Adalbert Stifter zu lesen. Das Bild, das ich bis zu diesem Zeitpunkt von Stifter hatte, war das eines langweiligen, spießigen, biedermeierlichen Blumen- und Käferpoeten, dessen Bücher einen allein schon aufgrund ihrer Titel zum Gähnen brachten: "Feldblumen", "Der Hochwald", "Der Hagestolz", "Der Waldsteig", "Der beschriebene Tännling", "Der Waldgänger", "Der arme Wohltäter", "Der Waldbrunnen", "Der Nachsommer" - all diese Werke schienen von Dingen zu handeln, die jenseits meines literarischen Horizonts lagen. (Nebenbei: Die Stifter-"Pflege" in der Schule hat meine späteren Vorbehalte gegen diesen Schriftsteller nur verstärkt.)
Meine Einstellung zu Stifter änderte sich allerdings schlagartig, als ich Ende der achtziger Jahre durch Zufall den "Nachsommer" las, oder, besser gesagt, lesen mußte. Der Grund für diese unfreiwillige Lektüre war simpel: Für eine achttägige Autobusdurchquerung der USA von New York nach Los Angeles wollte ich mir ein möglichst dickes Buch zum Lesen mitnehmen, aber anstatt Laurence Sternes "Tristram Shandy" einzupacken, der im Bücherregal neben dem "Nachsommer" stand und ebensodick war, steckte ich irrtümlicherweise Stifters Buch in meine Reisetasche. Den Irrtum bemerkte ich freilich erst in der Nähe von Washington, als es bereits zu spät war. (S. 7)
In "Kalkstein" wird davon berichtet, daß der Pfarrer im Kar "zum Frühmahle und am Abende nur ein Stück schwarzen Brotes" esse und sein Mittagessen "häufig aus warmer Milch oder einer Suppe" bestehe. Der einzige Luxus, den sich der Ich-Erzähler, ein Geometer, gönnt, ist ab und zu ein Glas Wein, das er zum Essen trinkt. Stifter dagegen gibt am 12. Oktober 1857 in einem Brief an seinen Verleger Gustav Heckenast seinen eigenen Jahresbedarf an Wein mit etwa 600 Liter an. Und wenn man bedenkt, daß Stifters Bierverbrauch auch nicht unerheblich war, so muß man davon ausgehen, daß er in einer bestimmten Phase seines Lebens alkoholkrank war.
In den "Nachkommenschaften" bekommt der Maler Friedrich Roderer zum Frühstück "warme Milch (...) mit dem weißen Brote", und mit einem Stück trockenem Brot in der Tasche macht er sich auch auf den Weg zu seinen täglichen Malausflügen. Aus Stifters präzisen Aufzeichnungen über die Gestaltung seiner Tagesabläufe wissen wir hingegen, daß er im Durchschnitt sechsmal pro Tag aß, und zwar Frühstück, Gabelfrühstück, Mittagessen, Kaffee, Jause und Abendessen. Dabei kamen sowohl zu Mittag als auch am Abend meistens drei Gänge auf den Tisch. Selbst als Stifter aufgrund seiner Krankheit einmal eine Diät halten mußte, die für ihn nur "eine strenge, grausame Kost" war, wollte er auf seine sechs Mahlzeiten nicht verzichten. An seinen Freund Joseph Axmann schrieb er am 5. März 1865: "Der Hunger aber ist so entsezlich, daß ich sechsmal mehr möchte als die sechsmal." (S. 12f.)
© 1999, Löcker, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags. |