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Ulrike Längle - "Tynner"
Leseprobe VI
Zu Hause ging alles unvermindert seinen gewohnten Gang. Der Roman über die Risse im Putz der Gesellschaft wuchs unter Schwierigkeiten, aber stetig, die Semmeln und der Kaffee standen jeden Morgen bereit. Nur etwas irritierte Tynner in letzter Zeit: Frau Rippe schien das Parfüm gewechselt zu haben, das heißt, sie benutzte eigentlich nie ein Parfum, sondern roch nur leicht nach Schweiß, was man den Räumen, in denen sie sich aufgehalten hatte, trotz der Putzmittel auch nach einiger Zeit noch anroch. In den letzten Tagen hatte sich dieser Geruch etwas verändert, ohne daß Tynner genau hätte sagen können, wie. Einmal war er auf ein Haar gestoßen, das in der Küche auf der Anrichte liegengeblieben war. Dieses Haar war überraschend hell, aber nicht grau, und ziemlich lang. So etwas war Frau Ripp bis jetzt noch nie passiert, sie war ansonsten die Reinlichkeit in Person.
© 1996, S. Fischer, Frankfurt / Main. |
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