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Ulrike Längle - "Vermutungen über die Liebe in einem fremden Haus" Leseprobe
IV. Fanny wurde von der Sonne geweckt, die voll in ihr Bett schien. Sie blinzelte verschlafen in das helle Licht, dehnte sich unter der dünnen Wolldecke in dem geblümten Überzug, genoß die Aussicht durch die Maschen ihres Moskitonetzes und stand dann auf. Sie hatte keinen einzigen Mückenstich abbekommen. Draußen war es fast vollkommen still. Kein Windhauch wehte. Die Wetterfahne schwieg. Von ferne hörte sie eine Glocke leise siebenmal schlagen. Sie blickte auf den Kirchturm von Östervala, dann nahm sie ihr Bettzeug und hängte es aus dem Fenster. Wieder schlüpfte sie in ihren Morgenmantel und in die blauen Holzschuhe und setze sich kurz auf einen Stuhl mit dreieckiger Sitzfläche, die mit verschossenem, orangefarbenem Samt bezogen war, vor der Kommode, auf der sie ihre Toilettengegenstände aufgebaut hatte. Sie blickte auf Eriks Bild. Erik schaute sie an, melancholisch wie immer. Erik sah alles ganz genau, zum Beispiel, daß sie ihre Haare lange nicht mehr gewaschen hatte, so daß sie nun, kurz nach dem Aufstehen und vor der Morgentoilette, in fettigen Strähnen an ihrem Gesicht herunterhingen. Fanny blickt in den Spiegel. Obwohl sie geweint hatte, sah sie gar nicht verweint aus. Sie fand, daß sie eigentlich überraschend gut aussah, trotz der fettigen Haare, und überraschend jung. Vielleicht waren die frische Luft und das kalte Wasser schuld daran.
© 1998, S. Fischer, Frankfurt / Main. |
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