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| Kurt Lanthaler | |
| Weißwein und Aspirin. Hirnrissige Geschichten. Zürich: Diogenes, 2002. (detebe 23318) 160 S., TB., EUR 7,90. ISBN 3257233183. 13 mal Irrsinn im neuen Buch von Kurt Lanthaler, das den Titel "Weißwein und Aspirin" trägt. Dazu der verwegene Untertitel: "Hirnrissige Geschichten." Ganz neu sind Lanthalers Geschichten nicht. Die meisten davon sind bereits 1997 bei Haymon unter dem Titel "Heiße Hunde. Hirnrissige Geschichten und ein Stück Karibik" (welch ein erfrischend ungewöhnlicher Titel!) erschienen. Diogenes hat nun mit ein wenig verändertem Inhalt ein Taschenbuch daraus gemacht. Hirnrissige Geschichten also. Als Germanist kennt man diese Gattungsbezeichnung nicht und ist ein bißchen ratlos. Was darf man sich darunter vorstellen? Das Österreichische Wörterbuch verweist bei hirnrissig (ugs., abw.) auf die Wörter "hirnverbrannt, unsinnig, verrückt". Verrückt trifft das Buch wohl am ehesten. Da tummeln sich eigenwillige, verschrobene Käuze, Leute, denen man den Irrsinn förmlich ansieht, aber auch welche, die ihn geschickt zu verbergen wissen. Die Stories nehmen plötzliche, unglaubliche Wendungen, die den Leser aufs Glatteis führen.
Liefern wir uns also mutig aus, dem Wahn: Was tut man, wenn man unerträgliche Kopfschmerzen hat, Weißwein und Aspirin nichts dagegen nützen? Man läßt sich von einem Stambuler Arzt den Kopf aufschneiden, der dann nichts anderes macht, als mit der Zunge über das Hirn zu schlecken. Ein römischer Obdachloser läßt sich von einem Reisenden zum Essen einladen und erzählt dafür von seiner Vergangenheit als medizinisches Genie, von Menschenversuchen mit Elektroschocks. In Pavillon IX arbeitet der junge Assistenzarzt Dr. Hüff an einer neuen Methode der Diagnose, überzeugt davon, daß der Wahnsinn in den Augen sitzt. Eine Betriebsfeier endet schrecklich, als sich einige angetrunkene Gäste im weihnachtlichen Überschwang auf ein Kettenkarussell setzen. Müller zwo wird in die geschlossene Abteilung geschickt, um rätselhafte Selbstmorde aufzuklären. Ein Schriftsteller verliert seine Schreibhemmung plötzlich, als er seine neue rumänische Nachbarin kennenlernt. Dem ungeduldigen Verleger schickt er folgendes Fax: "Habe eine Geschichte für dich. Dreiundzwanzig Leichen, hundert Verletzte, fünf Polizisten, ein LKW-Fahrer. Und eine Rumänin. 160 Seiten, lieferbar in drei Monaten. Wie wär's mit entsprechendem Akonto?"
Man ist sich seiner Welt nicht mehr sicher, wenn man Lanthalers kurzweilige Geschichten liest. Der Wahnsinn sitzt überall, in den Köpfen, den Gehirnen, in uns und um uns herum, der Realitätsverlust greift von einem auf den anderen über.
Peter Landerl Originalbeitrag Hinweise auf weitere Rezensionen bietet unsere Online-Datenbank zum Zeitungsausschnittarchiv |
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