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| Marlene Faro | |
| Die Vogelkundlerin Roman. Hamburg: Hoffmann und Campe, 1999. 238 S., geb.; DM 34.-. ISBN 3-455-01946-3. Die "Vogelkundlerin" in Marlene Faros Roman ist die 30jährige Rheingard Droste, wohlbehütete Tochter aus gutem Haus und Wissenschaftlerin an einem Universitätsinstitut. Die jungfräuliche Rheingard lebt gemeinsam mit ihrer Mutter in der alten Familienvilla ein biederes Leben, das von bürgerlichen Standeskonventionen geprägt ist. Abwechslung und etwas Verwegenheit bietet hier nur die Dolmetscherin Ursula, die aufgrund ihres Jobs mehr herumkommt und Rheingard als Vertraute an ihren ständig wechselnden Affairen teilhaben läßt. Wirklich ernst genommen wird die Ornithologin Rheingard Droste allerdings von kaum jemandem. Für Ursula ist sie akzeptabel, weil sie bei der Suche nach dem richtigen Mann alles andere als eine Konkurrentin darstellt; die Arbeitskollegen fühlen sich von ihr nicht bedroht, weil sie als ehrgeizlos gilt. Bei den Teeparties und Gesellschaften ihrer Mutter nimmt man sie, wenn überhaupt, als mitleiderregende Exotin wahr, die einen obskuren Beruf hat und mit dreißig noch ledig ist. Eine Reise auf die Azoren in Begleitung von Ursula und deren Liebhaber bringt den entscheidenden Wendepunkt. In der fremden Umgebung, auf der Insel Sao Miguel, wo in Erdspalten heiße Quellen dampfen und brodeln, und es natürlich auch seltene Vögel zu sehen gibt, verliebt sich Rheingard in einen Vulkanologen, der ihre Gefühle zu erwidern scheint. Aber auch ein schauriges Erlebnis bleibt ihr nicht erspart: Bei einem ihrer einsamen Spaziergänge begegnet Rheingard einem gräßlichen Triebtäter, der, wie sich später herausstellt, schon seit längerem in dieser Gegend Touristinnen belästigt. Der Mann verfolgt sie und wird von ihr in Panik getötet. Die Leiche wird später zwar entdeckt, das Geschehen jedoch als Unfall kolportiert. Ein wenig schuldbewußt, aber selbstbewußter kehrt die Vogelkundlerin heim und gestaltet ihr Leben neu. Sie kauft sich schicke Kleider, besinnt sich auf ihre Karriere, lernt, sich durchzusetzen. Sie tritt aus dem Schatten, "den sie sich selbst macht" und hat am Ende auch noch Glück in der Liebe.
Marlene Faro konstruiert die Geschichte nach trivialen Mustern und
verzichtet dabei auf präzise Verankerungen in der Wirklichkeit. Die
einzelnen Handlungsmomente sind nicht wirklich logisch verknüpft oder - wie
man es von einer Ich-Erzählung erwarten könnte - psychologisch
nachvollziebar. Veränderungen im Verhalten und Empfinden der Hauptfigur
finden plötzlich und unvorbereitet statt und wirken daher oft unmotiviert
oder klischeehaft. Rheingards Abkapselung im Milieu der höheren Töchter
erscheint unglaubwürdig, da sie doch zugleich eine zwar wenig
karrierebedürftige, aber doch engagierte, seriöse Wissenschaftlerin sein
soll. Diese Seite ihrer Persönlichkeit wird zwar durch den Titel
hervorgehoben, spielt in der Geschichte aber bis auf einige oberflächliche
Anspielungen keine Rolle und gerät so zur leeren Pose. Während derartiges
erzählerisches Kontrastpotential, das den Roman vielschichtiger machen
könnte, unangetastet bleibt, tun sich - besonders im Hinblick auf die
emanzipatorische Botschaft - andere Unstimmigkeiten unüberbrückt auf. Der
Totschlag des "bösen Mannes" wird für Rheingard zu einem Akt der
Selbstbefreiung und entpuppt sich als Quelle der Kraft. Die Begegnung mit
dem "guten Mann" bringt letztendlich die ersehnte Erfüllung. Irritierend
daran ist, daß die Drastik dieses Romanzen-Plots, vor allem der Mord, quasi
eine ideologische Begründung erfahren soll: In der zweiten Hälfte des
Romans tauchen unvermittelt feministische Gedanken und Gesten auf, die
Rheingard zugeschrieben werden und in sehr allgemeiner Form den Mythos der
"Frau als Opfer" bemühen. Christine Rigler |
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