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Leseprobe
So erfahre ich von der Liebe
Wind ist aufgekommen, die Blätter der Weide rascheln vor dem geöffneten Fenster. Draußen ist dunkle Nacht, drinnen in meinem Zimmer taucht der Fernsehapparat die vertraute Umgebung in ein silbriges Zwielicht. Ich habe den Ton leise gestellt, Mama ist schon längst zu Bett gegangen, zum Glück befindet sich ihr Schlafzimmer auf der anderen Seite des Flures.
Der Fernsehapparat ist mein Vertrauter, mein Verbündeter, ich bin auf ihn angewiesen. Über den flimmernden Schirm empfange ich Botschaften aus einer fernen Welt, manche habe ich schon ein dutzendmal gesehen und gehört, lautlos spreche ich die Sätze mit, wie eine Souffleuse, die für ein Stück probt, das niemals aufgeführt wird.
Werde ich Sie wiedersehen, Jurij, fragt Lara, die Krankenschwester mit den graugrünen Augen. Dann fährt sie davon, Schiwago bleibt zurück, er sieht dem Lastwagen nach, der auf einer Landstraße in Sibirien allmählich im Staub verschwindet.
Vergiß auf deine Einsamkeit, singt eine Männerstimme. Eine Frau sitzt vor einem Spiegel, sie zieht sich die Lippen nach, dann läuft sie über einen Platz, Tauben flattern auf, die Silhouette eines Mannes zeichnet sich vor dem Canale Grande ab, er breitet die Arme aus. Dann werden die Produkte der Firma überblendet, Puder und Rouge, Mascara und Lippenstift, der Mantel der Frau bauscht sich im Wind. Sophia Loren hat dunkle Ringe unter den Augen, verhärmt steht sie da in ihrer Kittelschürze, Marcello Mastroianni vergnügt sich derweil mit Jüngeren. Die gemeinsamen Kinder muß sie verleugnen, zur Ehe ist er bereit, als sie auf dem Sterbebett liegt. Aber Sophia Loren steht wieder auf, sie wirft ihm den Ring vor die Füße, Marcello Mastroianni klettert hinter ihr her, auf einem Hügel in Schwarzweiß. Vergib mir, verzeih mir, komm zurück zu mir, ich kann ohne dich nicht leben.
So erfahre ich von der Liebe. (S. 26f.)
© 1999, Hoffmann und Campe, Hamburg.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
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