| LESEPROBE | ![]() |
| Sabina Naber | |
| Die Namensvetterin Roman. Rotbuch Hamburg 2002. 260 S., geb., EUR 18.-. ISBN 3-434-53104-1.
Der Fernsehkrimi ist ein allseits bekanntes und beliebtes Genre bzw. Format, und seine Spielregeln sind in den Rezipientengehirnen zumindest des deutschsprachigen Raumes wohlverankert. Ganz abgesehen von den eingeschliffenen Feinheiten, mit denen die wenigen unterschiedlichen Basisplots ausstaffiert werden, gilt das auch und im Besonderen für die Beziehungen zwischen dem Ober- und dem Unterschnüffler der jeweiligen Geschichte (sofern Lezterer nicht zugunsten eines spektakuläreren ,side-kicks' in der Mottenkiste versenkt wird).
Die Auswirkungen dieser Tatsache auf die Belletristik, auf die Konstruktionsweise literarischer Kriminal- und Detektivgeschichten, sind zahlreich und im Einzelfall einfach erkannt. Dies liefert zwar den Propheten des "Unterganges der erzählenden Literatur in den Niederungen des Marktes" immer wieder eine Gelegenheit, sich gegenseitig auf die Schulter zu klopfen, bedeutet aber letztlich nichts Katastrophales: Was das Publikum für bekömmlich hält, bekommt es billigerweise auch, und man muß ja weder als Schreiber noch als Leser zwingend an der genormten Oberflächenstruktur verharren.
Nehmen wir als Beispiel Sabina Nabers Roman "Die Namensvetterin": Eine Polizistin und ihr neuer Untergebener, zunächst als Sexist und Rambo schlimmster Ausprägung gezeichnet, haben den Mord an einer bekannten Kabarettistin zu untersuchen (die denselben Vornamen trägt wie die Beamtin, soviel zum Titel). Die eine Spur führt in eine Künstler- und Intellektuellenclique, die andere in die Wiener Swingerclubs, in denen die Ermordete verkehrte. Über den Hergang der Ermittlungen und die Entlarvung des Täters sei hier nichts weiter berichtet, es handelt sich um einen Detektivroman, und zuviel zu verraten hieße, den geneigten Lesern den Spaß zu nehmen.
Daß die Kommissarin NATÜRLICH verklemmt und alleinstehend ist und dies im Zuge der Ermittlungen zum zentralen Thema wird, und daß der "Unterbulle" mit dem Machogehabe NATÜRLICH einen "weichen Kern" hat, den zu suchen sich die Heldin anschickt, sei dennoch erwähnt: Beide Punkte (und nicht nur diese beiden) werden so stark überzeichnet, wie wir dies - siehe oben - aus der filmischen Umsetzung solcher Stoffe kennen. Doch im Unterschied zum Film wirkt diese Überzeichnung im Roman meist eher abstumpfend; sie kann nichts enthüllen, was dem Leser nicht schon allein aus der Anlage des Plots heraus klar wäre. Im Kontext des Spiels mit den Klischees allerdings kann der Leser der Überzeichnung, wenn er denn will, etwas ähnliches wie eine Wiederkehr der romantischen Ironie abgewinnen:
Ein Untergebener etwa, der seiner Chefin am Tatort mit dem Vibrator, der dem Mordopfer eben noch im Halse steckte, unter der Nase herumfuchtelt und dabei pubertäre Sprüche schiebt, wird dieselbe in realiter schon alleine deswegen nicht während der Ermittlungen ins Bett kriegen, weil er noch am selben Tag arbeitslos ist.
Wie uns hier aber die Geschichte weniger "erzählt" als vielmehr, gut österreichisch, "aufs Aug 'druckt" wird, das treibt mit dem Begriff des narrativen "Funktionierens" selber sein Spiel: Wenn wir in angenehmer Distanz - eben in der erwähnten "inneren Verfilmung" befangen - über dem Text schwebend verharren, ohne uns den Einzelheiten wirklich zuzuwenden, derer er sich als Vehikel seines Konzepts bedient, so haben wir ein recht spannendes Gebilde vor uns, getragen von der Interaktion zweier sehr lebendiger, obzwar eher hausfrauenpsychologisch geschilderter Charaktere. Lesen wir aber tatsächlich was dasteht und deuten die Tableaus, an denen wir da vorbeidefilieren, nicht zurück in die Entwicklungsschritte, die die Hauptperson (erwartbarerweise) durchläuft, so sehen wir uns plötzlich einem krude zerfransten Machwerk gegenüber, das an all jenen Stellen scheitert, wo die Verschiedenheit der Medien Film und Roman sich auch an der Verschiedenheit der vorgeführten Handlungsmomente zeigt - mit anderen Worten, einer aufschlußreichen Parodie auf das Genre des Kriminalfilms.
Stefan Schmitzer Originalbeitrag Hinweise auf weitere Rezensionen bietet unsere Online-Datenbank zum Zeitungsausschnittarchiv |
| LESEPROBE | ![]() |
| ||||
| Weiße Schrift auf weißem Grund beim Ausdrucken? Klicken Sie hier ---^ | ||||