| LESEPROBE | ![]() |
| Oswald Egger | |
| Neues von Oswald Egger Herde der Rede. Poem. Frankfurt / Main: Suhrkamp, 1999. (edition suhrkamp 2109). 301 S., brosch.; DM 22,80. ISBN 3-518-12109-X.
Der Rede Dreh. Das Poem zeichnet das Bild des einsamen Dichters. Er kauert auf seiner Bettstatt, sucht Schlaf und dreht sich dabei der "Herde der Rede" zu. Wörter kommen auf leisen Pfoten geschlichen oder fliegen wie verschreckte Vögel auf. "Seltzame Namen" finden sich zuhauf, meist in bukolische Szenen eingepaßt: Kernstein und Erdschlipf, Lichtmilchblüten und Bandel-Bäume, Glimpf-Tau und Winterzwirn.
Nicht nur die Dinge, auch die Landschaften seien erfunden, erklärt Oswald Egger im Gespräch. Er selbst, 1963 in Südtirol geboren und seit einigen Jahren in Wien ansässig, sei eigentlich nie bewußt in die Natur hinausgegangen, durch den Wald zu streifen fiele ihm nicht ein. Er denke sich die Landschaft aus und erträume sie; vom Schlafen sei deshalb sehr viel die Rede und übrigens auch vom Beischlaf. Oswald Egger legt sein großes Gedicht in zwei Bänden bei zwei Verlagen vor. "Herde der Rede" ist soeben in der Edition Suhrkamp, "Der Rede Dreh. Poemanderm Schlaf" in der kleinen Zürcher Edition Howeg erschienen. Die beiden Bücher spielen zusammen wie das poetische Programm und seine Durchführung. So wird "Der Rede Dreh" als Canevas bezeichnet, als ein grobes Untergeflecht, auf dem dann die feingliedrige Stickerei des anderen Bandes aufsetzt. Die Herde der Rede, die sich in alle Richtungen zu zerstreuen droht, hat einen guten Hirten nötig; einen solchen hat Egger in der Figur des Poemander gefunden, dem der erste Teil des Corpus Hermeticum gewidmet ist, jener großen theosophischen Schriftensammlung des 2. nachchristlichen Jahrhunderts.
Das Schreibprojekt Eggers schließt programmatisch an die hermetische Tradition an. Die Dialektik des Zeigens und Verbergens fungiert im Text als innere Dramaturgie, Dinge werden zum Erscheinen und im Erscheinen wieder zum Verschwinden gebracht. Daß der Autor mit manch einem seiner Begriffe (wie dem "Geraum", in dem sich Zeit und Raum mischen) ins Fahrwasser der Heideggerschen Sprache gerät, stört ihn nicht. Schließlich habe er keine Zeile des Philosophen gelesen, außerdem handle es sich bei seiner Dichtung eben um Egger und nicht um Heidegger.
Um der Herde der Rede Herr zu werden, hat Egger seine Sprache in Neunzeiler gestanzt - so wie man einen Teig aussticht, um Kekse zu backen. Mehr als 1800 Strophen hat der Autor in den beiden Bänden zusammengetragen, jede Buchseite ist zudem von einem Trennstrich durchzogen, der eine zusätzliche Parallelführung herstellt. Auch mit hermetischen Konstruktionsmustern spart der Autor nicht: Der Suhrkamp-Band ist mit kleinen Emblemen ausgestattet, die auf den Wechsel der Beschreibungsebenen hinweisen; "Der Rede Dreh" folgt einem mathematischen Alogorithmus und ist wie ein ineinander verflochtenes Seil gebaut. Den ursprünglichen Schreibantrieb hat der Autor einer anderen Quelle entnommen. Es war ein Zyklus von zwölf Monatsbildern, den er literarisch illustrieren wollte, eine neue Georgica sollte das Langgedicht werden, ein Lehrbuch der Jahreszeit. Ein Hausbuch ist "Herde der Rede" trotz der anderen, hermetisch-erotischen Richtung, die es genommen hat, geblieben. Gerne stellt Egger sich vor, daß man das Buch in der Stube liegen hat und bei Gelegenheit einen Blick hinein wirft, um sich in einem der geschilderten Räume umzusehen oder sich darin vielleicht sogar ein klein bißchen zu verlieren.
Die beste Zugangsmöglichkeit zur Textlandschaft bietet sich ohne Zweifel in den Lesungen des Autors. Die Buchvorlage dient hierbei über Strecken nur mehr als grobes Raster, Egger improvisiert über den Text und ist auch dort, wo er ihn wortwörtlich liest, ganz im Jetzt präsent. Er schafft dabei eine ungemein dichte Atmosphäre, der sich kaum jemand entziehen kann. Mit polemischen Tönen gegen unrein dichtende oder übersetzende Zeitgenossen hält der Autor zurück. Gegen Ende unseres Gespräches fällt ihm aber auch zu dieser Sache das passendes Bildnis ein: Während andere mit ihren smarten Brettern im Hafen surfen, fährt er mit vollen Segeln ins offene Meer hinaus. Klaus Kastberger |
| LESEPROBE | ![]() |
| ||||
| Weiße Schrift auf weißem Grund beim Ausdrucken? Klicken Sie hier ---^ | ||||