Wolfgang Raffeiner - "Jugendjahre"
Leseprobe

In beiden Klassenzimmern wirkte je eine Lehrerin. Es waren junge Italienerinnen, ich glaube aus dem Cembratal, die auf schwierigen Posten standen. Petersberg war ein kleines, nur über weite Fusswege erreichbares Dorf, von deutschsprechenden Leuten bewohnt. Die Väter der Schüler hatten fast alle zwei Jahrzehnte früher an der Seite Österreichs gegen Italien gekämpft.
Diesen Kindern sollte unsere Lehrerin anhand der faschistischen Schulbücher Geschichtsunterricht über das italienische Risorgimento geben. Dass da alles Gute auf Seiten Italiens und alles Böse auf Seiten Österreichs lag, ist klar. Hatten die meisten Kinder schon keine Freude italienisch zu lernen, so forderte der Geschichtsunterricht den Widerwillen und die Widerspenstigkeit besonders einiger älterer Buben heraus, die laut protestierten und drohten, die Lehrerin beim Fenster hinauszuwerfen. Die Lehrerin war in einer Klemme. Auf der einen Seite hatte sie den Auftrag, diesen Stoff den Kindern einzutrichtern, was auch ab und zu von einem Inspektor überprüft wurde, auf der anderen Seite sah sie sich einer Schülerschaft gegenüber, mit der ein fruchtbares Arbeiten nur dann möglich war, wenn sie nicht deren Widerstand und Feindseligkeit provozierte. Einmal - erinnere ich mich - war es wieder kurz vor Unterrichtsschluss zu einem Krach zwischen einem trotzenden Schüler und der Lehrerin gekommen. Während die Kinder das Klassenzimmer verließen, hatte sich die Lehrerin zur Wand gedreht und angefangen zu weinen. Sie tat mir leid und ich wartete, bis alle gegangen waren und ging dann zu ihr vor und versuchte sie zu trösten. (S. 39f.)

Optionsgründe

Endlich kam der 31. Dezember. Einer der Letzten, der optierte, war der Stachlbauer in St. Peter ober Bozen. Einer seiner vielen Söhne, Lorenz Riegler, ging in diesem Jahr mit mir zur Schule. Der Stachl muss nicht leicht zu überzeugen gewesen sein, denn die Nazipropagandisten hatten ihm den ganzen Tag, bis spät in die Silvesternacht hinein zugeredet, dann brachten sie ihn auf den Bozner Friedhof, wo er seine Vorfahren befragen konnte, ob seine Option von ihnen gebilligt werde. Diese hatten nichts dagegen einzuwenden. Anschliessend an den Friedhofsbesuch wurde der Stachl ins Hotel Bristol gebracht, wo die Deutsche Ab- und Rückwandererstelle ihren Sitz hatte, und hier brachte man ihn um Mitternacht dazu, die Option zu unterschreiben. Die Option des Stachl war in Bozen im Jänner 1940 Tagesgespräch, und so fragte ich meinen Schulkollegen, den Lorenz, ob die Geschichte wahr sei. Der Lorenz sagte mir, dass es auch daheim so erzählt worden sei.
Wegen der Drohungen erhielten exponierte Nichtoptanten Polizeischutz. Auch vor unserem Haus stand Tag und Nacht ein Posten. Mir taten die armen Teufel leid, die da in der Winterkälte herumstehen mussten. Nach einiger Zeit wurde die Bewachung wieder aufgehoben.
Das Ergebnis der Option war bedrückend.
Für meinen Vater war es besonders schmerzlich, dass zwei nächste Verawandte unserer Familie ebenfalls optiert hatten. Seine einzige Schwester Hedwig mit ihrem Mann, dem Arzt Karl Voigt, und ihrem Sohn Karl sowie der Bruder meiner Mutter, der Chirurg Vinzenz Kneringer, mit seiner Frau Antoniette und Töchtern Bregtie und Elis. Dass Karl Voigt optiert hatte und auch so bald als möglich abwandern wollte, war verständlich, die faschistischen Behörden hatten ihm sein Berufsleben als Arzt schwer genug gemacht. Weniger einzusehen war die Option des Bruders meiner Mutter. Er hatte eine reiche Holländerin geheiratet, die ihm den Bau einer schönen Klinik in Meran ermöglichte. Die Kneringerklinik hatte einen so guten Ruf, dass sie nicht nur von Leuten aus dem ganzen Land aufgesucht wurde, sondern auch maßgebliche Faschisten zu ihren Patienten zählte. Für diesen Onkel, wir nannten ihn Onkel Vizi, bestand also kein Grund zu optieren. Er wurde weder in seinem Berufsleben behindert, noch war er sonstigen Schikanen der Faschisten ausgesetzt. Viele Jahre später, er war schon krank, bin ich vielleicht auf den im tiefen Keller seiner Seele sitzenden Grund für seine Option gestoßen. Unsere Rede kam auf die Italiener und da sagte er: "Ich hasse sie." Da mir ein so verallgemeinender Hass auf ein ganzes Volk unverständlich war, bohrte ich weiter. Da sagte er in zornigem Ton: "Wenn dir im Krieg die besten Kameraden, links und recht von dir, weggeschossen oder zu Krüppeln geschossen worden wären wie mir, würdest du diese Mörder wahrscheinlich auch hassen." Er war als junger Student im Ersten Weltkrieg an der Italienfront eingesetzt gewesen. Das Kriegsgemetzel hatte eine Wunde in seine Seele gegraben, die immer wieder aufbrach und nie verheilte. (S. 49f.)

Im Mai war einmal in Bruneck eine Großversammlung der Südtiroler Volkspartei angekündigt. Viele Südtiroler und ich mit ihnen wünschten sich damals von Italien loszukommen. Zu böse waren die Erfahrungen mit dem Faschismus gewesen. Jetzt, da ich dies niederschreibe, muss ich gerechterweise sagen, dass, verglichen mit dem Hurrikan des deutschen Nationalsozialismus, der nur mordete und zerstörte, der italienische Faschismus höchstens ein lästiger Wind war. Und Österreich war dem Nationalsozialismus begeisterter entgegengerannt als Deutschland selbst. Doch die Mehrzahl meiner Landsleute träumte von einem Anschluss des Landes an Österreich. [...] Das Ereignis fand am Brunecker Graben statt. Redner war der Brixner Dr. Otto von Guggenberg. Seine Rede war schneidig und wurde von den Versammelten mit großem Beifall aufgenommen. Auch ich war begeistert. Ich begann schon drüber nachzudenken, wie man die Italiener vertreiben könnte. Ein Jahr vorher war endlich der abscheuliche Krieg ausgegangen und schon träumte ich wieder von Waffengewalt. Ich erzähle das, damit man sieht, wie leicht die Jugend zu begeistern ist und von Erwachsenen zu gefährlichen Abenteuern verführt werden kann. (S. 163f.)

© 2001, Skarabaeus, Innsbruck.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.





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