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Elisabeth Reichart - "Nachtmär"
Leseprobe [...] mein letztes Essen habe ich während des Studiums gekocht, damals brauchten wir noch keine Jahresringe, um uns zu sehen, viel zu oft haben wir uns gesehen, eingebettet in die falsche Sicherheit, zu schwach, um allein leben zu können, zu schwach, um mitsammen leben zu können, auseinandergefallen bei der ersten Gelegenheit, unfähig, uns unsere Überheblichkeit zu verzeihen, in der wir schwammen wie Froschlaich, sie ernährte uns bis zum Zerplatzen, als der Knall erfolgte, bemerkten wir auf einmal unsere Hinkebeine und schielenden Blicke, rochen wir die faulenden Zähne, noch nie waren uns Menschen so häßlich erschienen wie wir, diesen Anblick ertrugen wir nicht, kein Ort lag weit genug enfernt von Wien, doch die Zeit hat uns bloß stumpfer gemacht, wir ertragen den Anblick wieder, keine Schönheit hat sich zwischen uns gestellt in den getrennten Jahren, und nur das Gefühl, ständig am Rand meiner Erträglichkeit der Außenwelt zu leben hält mich wach [...] (S. 91) [...] immer wieder hatten sie sich bei ähnlichen Träumen ertappt, wußten sie nicht mehr, wer wessen Traum verbogen, umgeträumt, gestohlen hatte, sofern du ihn nicht wiedererkannt hast, den Traum des anderen, war da ein großes Aufatmen in den Herzen, und dann, [...] seitdem wir in jener warmen Frühlingsnacht einzeln den Platz unterm Riesenrad verlassen hatten, haben wir, aber das werden wir uns nicht sagen, weil es ja nicht sicher ist, ob das stimmt, angesichts der vermischten Träume und des gemeinsamen Verrats, alle haarscharf an unserem Traum vorbeigelebt oder doch unseren Traum gelebt, der nur nicht mehr erkennbar war als eigener, durch so viele Köpfe ist er gewandert [...] (S. 124f.)
Diese Rede und dieses stumme Zuhören hätte es nicht geben dürfen. Nicht genug damit, daß wir nur daran interessiert waren, unsere Bequemlichkeit zu retten, schlugen wir redend und schweigend auch noch auf Esther ein. [...] Bei Rudolfs Replik über das Schicksal der Juden gerade in diesem zweiten Bezirk, haben wir Esther noch auf der Bank sitzen gesehen, den Kopf in die Hände gestützt, regungslos, und für einen Augenblick hofften wir, sie würde uns, vertraut mit den Menschen hier, einfach nicht ernst nehmen. Als Rudolf davon sprach, daß es ein alter Fehler der Juden sei, immer nur von denen Hilfe und Opfer zu verlangen, die ohnedies auf ihrer Seite stünden, haben wir es nicht mehr gewagt, in ihre Richtung zu schauen.
(c) 1995 Otto Müller, Salzburg. |
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