Evelyn Schlag - "Die göttliche Ordnung der Begierden"
Leseprobe

Denn in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot in seine heiligen und ehrwürdigen Hände. An diesem Pfingstsonntag starrte ich auf meine Hände, die sich mit der weißen Scheibe erhoben. Das ist mein Leib, den ich für euch hingegeben habe, sagte ich. Es wurde nicht sein Leib. Gott bewegt sich nicht, sprach etwas dagegen an. Gott hielt still, trat nicht ein in den Gedanken, der das Wunder bewirkte. Die Oblate, die ich mit spitzen Fingern hielt und anstarrte, war nichts als diese weiße Scheibe, ausgestanzt aus einem Bogen, mehr Papier als Brot. Ich legte die Hostie in die vergoldete Schale zurück und beugte das Knie vor dem Tisch mit den Utensilien eines Zauberers. (S. 14)

Ich hatte Angst, etwas Falsches zu sagen. Von den älteren Priestern hatte ich mitbekommen, daß es die Möglichkeit erotischen Redens mit Bildern aus dem gemeinsamen Wissensgut gab. Das Hohelied. Manche Psalmen. Sie zitierten etwas, sahen einen an, warteten. Ich wollte Johannes mitteilen, daß ich ihn begehrte. Begehren - das war der Teufel. Du sollst keine ungeordneten Begierden haben, schreibt Ignatius, den ich damals noch nicht gelesen hatte. Zu meiner Verteidigung hätte ich nur sagen können, daß ich niemals eine geordnetere Begierde verspürt habe.
(S. 99)

(c) 1998, Residenz, Salzburg, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.





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