Sibylle Schleicher - "Das schneeverbrannte Dorf"
Leseprobe

Ob der Brandner wirklich nicht bemerkt hat, daß ich Fieber hab - bei der Suppe hätt's ihm auffallen können - oder auch nicht - wir haben jetzt öfter einmal zu unterschiedlichen Zeiten gegessen - vielleicht will er seine Arbeit aber auch nicht unterbrechen - stur sein Arbeitspensum fertigkriegen - es ist immer noch so, als würde er auf ein Ziel hinarbeiten ...
Im Halbschlaf träume ich weiter, spinnt sich ein fataler Faden fort - überallhin, nur nicht dahin, wo ich mein Leben gern hätte - die Einsamkeit ist schwer - mit der kann ich nicht umgehen - gestern hab ich mich nach meiner Mutter rufen hören - geweint und nach meiner Mutter gerufen - nach der weichen Haut - als Kind, wenn wir krank waren, die kleinen Extras - Zwieback und ein weiches Ei an einem Wochentag - eine Geschichte vorgelesen bei hellem Sonnenschein - und ich rufe wieder, aber wenn ich mir ein Bild von ihr schaffen will, geht es nicht - was weiß ich schon von meiner Mutter, was weiß ich schon von meinen Geschwistern - und die Erinnerung sonderbar fern - das Alleinsein wie ein schrilles Loch, kurz nachdem man einen geliebten Menschen auf dem Bahnhof verabschiedet hat - jetzt, wo der Körper nicht mehr brennt, das Fieber wie nicht wirklich dagewesen - auch die Todesangst - das Rufen nach meiner Mutter - alles so weit weg, fast lächerlich, nur daß ich nicht lachen kann darüber ... (S. 108)

Auf dem Tisch liegt die Dorfchronik - eine Sage erzählt, daß unser Dorf einst eine Stadt war - unten in der Au - dann verschluckte ein Hochwasser die Stadt - die Bewohner flüchteten auf die höher gelegene Talstufe - da entstand das heutige Dorf - ich schlage die Dorfchronik wieder zu - das letzte Kapitel unseres Dorfs wird wahrscheinlich nie mehr geschrieben werden - es sei denn, sie kämen alle wieder - aber warum sollten sie, wenn sie bis jetzt nicht gekommen sind ... (S. 203)

© 2000, Haymon, Innsbruck.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.





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