Lore Segal - "Wo andere Leute wohnen"
Leseprobe

Wir kamen am frühen Abend in Liverpool an. Dort warteten Leute vom Komitee mit Autos und brachten uns zu einem großen Haus.
Ich erinnere mich, daß alle Türen offenstanden. In allen Zimmern und Gängen brannte Licht, und überall gingen viele Leute herum. Auf dem Treppenabsatz standen unsere Koffer und Rucksäcke. Ein paar Ladies nahmen unsere Mäntel und Mützen und Handschuhe und legten alles auf die Betten. Jemand fragte, ob ich auf die Toilette gehen wolle, und obwohl ich eigentlich mußte, und zwar schon recht dringend, fragte ich mich, ob ich je wieder zurückfinden würde, und außerdem wußte ich ja nicht einmal, wo sie war. Es erschien mir zu kompliziert. Ich sagte, daß ich nicht müsse.
In einem großen Zimmer war ein langer Tisch, der mit einem weißen Tuch wie für ein Fest gedeckt war. Auf der anderen Seite des Raums brannte ein Feuer in einer quadratischen Öffnung in der Wand. Ich ging hin und stellte mich davor. Ein großer Herr stand da und schaute mir zu. Ich sagte ihm, daß ich noch nie ein Feuer in der Wand gesehen hätte und daß wir in Wien Öfen hätten. Er sagte, ich spräche gut Englisch, und wir plauderten, bis eine Dame vom Komitee kam und mir meinen Platz zeigte. Es muß der erste Tag des Chanukkafests gewesen sein. Kerzen wurden angezündet. Alle standen und sangen ein Lied, das ich kannte. Dann setzten sich die Kinder rund um den Tisch. Wir bekamen Kuchen und kleine Teller mit buntem Gelee, wie ich es noch nie gesehen hatte: Wenn man mit dem Finger dranstupste, wackelte es noch ein Weilchen.
Eine Dame vom Komitee, die mit einer Namensliste herumging, blieb mit einer anderen Dame hinter mir stehen. Die Komiteedame sagte: "Hier ist ein nettes kleines Mädchen." Ich wollte möglichst charmant wirken und drehte mich um. Über mir ragte ein riesengroßer, kratziger Pelzmantel. Eine alte Frau schaute mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck hinter ihren Augengläsern hervor. Sie machte mir Angst. Sie hatte ein kleines, graues, unordentliches Gesicht mit recht viel Brille, Hut und Haar. Ich hatte mir vorgestellt, daß ich zu ganz besonderen, sehr schönen Menschen kommen würde. Ich deutete der Dame mit der Liste, daß ich zu jemand anderem wollte, aber sie bemerkte es nicht. Sie widmete sich der Frau im Pelzmantel, die sagte: "Wie alt ist sie denn? Wir wollen ja eine so um die zehn, nicht wahr, selbständig, aber noch nicht zu alt, um gute Manieren zu lernen."

© 2000, Picus, Wien.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.





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