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Leseprobe
Genau genommen hatte ich mit dem Thema gar nichts zu tun. Ich nicht. Mein Vater, ja. Sebastian, ja. Warum sollte ich also darüber schreiben? Mein Vater war damals schon seit zwanzig Jahren tot. Meine Erinnerungen an ihn hatten eine bestimmte Ordnung, ich hatte keinen Grund, so redete ich mir ein, daran etwas zu ändern und Vergangenes aufzurühren. Zu dem Ort, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte, unterhielt ich keinerlei Kontakte mehr, nicht aus einer Angst heraus, sondern weil ich meine Erinnerung von fremden Enflüssen freihalten wollte. Vielleicht wäre es auch nicht gern gesehen worden, wenn ich dort immer wieder aufgetaucht wäre. Wer hätte etwas dagegen haben können? Ja, wenn ich darüber nachdachte und ehrlich zu mir war, musste ich mir eingestehen, dass ich mich nicht freiwillig von Dellach fernhielt, dass vielmehr Sebastian den Ort und seine Umgebung zu einer Tabuzone gemacht hatte. Er hatte nie ein klares Verbot aussprechen müssen, was er wollte und was er nicht wollte, konnte er durch Suggestion wirksam vermitteln. Welche Art Sanktion er verhängt hätte, wenn ich mich nicht an seine unausgesprochene Forderung gehalten hätte, war mir nicht klar, war nur zu ahnen und nicht in Worte zu fassen. Das wenige, was ich über bestimmte Veränderungen und Entwicklungen in Dellach erfuhr, war schon schlimm genug. Als ich einmal auf dem Weg nach Italien einen kleinen Umweg machte, sah ich in Dellach einiges, was ich gar nicht sehen wollte: etwa den Bau der Elektro-Fernleitungen, nicht bloß einer, sondern zweier. Nahzu parallel verlaufend, beide monströs, nahmen sie das Elternhaus gleichsam in die Zange. Sie spielten sich auf, man nahm zuerst sie und dann erst alles andere wahr. Eine Leitung verlief quer über die steile Wiese unterhalb des Pittersbergs, etwa dort, wo Jahre zuvor die Transalpine Ölleitung von Triest nach Ingolstadt gebaut worden war. (S. 18f.)
Sie fragte gezielt nach der Rolle meines Vaters bei der Entstehung des Pittersberg-Kults in den Dreißigerjahren. Ich redete vom Sanatorium, von den vielen Offizieren, die aus den verschiedenen Teilen der ehemaligen Monarchie zur Kur gekommen waren, von Doktor Friedländer, und davon, dass Vater den Untergang des Habsburgerreichs nicht akzeptiert hatte.
Ob er illegaler Nationalsozialist gewesen sei, wollte sie plötzlich wissen. Ich wehrte ab, aber nicht entschieden genug. Oder Austro-Faschist. Auch dazu blieb ich eine klare Antwort schuldig. Als Historiker hätte ich mich doch hoffentlich nicht bloß um die Weltgeschichte, sondern wohl auch ein wenig um die der eigenen Familie gekümmert, sagte sie latuer als nötig. Längst nahm ich an, dass uns von mehreren Tischen aus zugehört wurde, zumal es im Lokal ruhiger geworden war. Ich gab ihr zu verstehen, dass in unserer Familie über gewisse Dinge nicht freimütig geredet worden war, und räumte ein, es versäumt zu haben, penetranter nachzufragen, unnachgiebig und rigoros. Sie überhörte die Anspielung auf ihre persönliche Art der Verhörs, so sehr war sie in Fahrt.
"Was hat er während des Zweiten Weltkriegs gemacht?"
"Er wurde nicht eingezogen, dazu war er zu alt, vierundsechzig Jahre zu Beginn des Kriegs. Daher machte er nichts während des Kriegs."
Unser Tischnachbar schaute sich im Lokal um, als suche er jemanden oder als halte er Ausschau nach einem anderen Platz, um sich endlich wegsetzen zu könne, weil er sich dagegen sträubte, zum Mitwisser zu werden. (S. 52)
© 2000, Albrecht Knaus, München.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags. |