Vladimir Vertlib - "Zwischenstationen"
Leseprobe

Er habe sich zur Emigration aus der Sowjetunion entschlossen, beteuerte Vater, weil er mir jene antisemitischen Erfahrungen ersparen wollte, mit denen er tagtäglich konfrontiert gewesen sei. Er habe Israel verlassen, um mir ein friedliches und gesichertes Leben zu ermöglichen. Er habe Österreich den Rücken gekehrt, weil er bei jedem älteren Mann auf der Straße annehmen mußte, dies könne der Mörder seiner Großmutter und jener zahlreichen anderen Verwandten sein, die während der deutschen Besatzung umgekommen waren. Warum sollte er mich dem Leben in einem Land aussetzen, auf dem die Vergangenheit laste wie ein bleiernes Gewicht? Die österreichischen Juden wüßten zumindest, wofür sie litten. Schließlich seien sie in diesem Land zu Hause, auch wenn es manche ihrer nichtjüdischen Mitbürger nicht wahrhaben wollten. Als Ausländer und Juden seien wir hingegen doppelt fremd. Sogar die einheimischen Juden sähen uns nicht als ihresgleichen an. Es sei schon schlimm genug, einer Minderheit anzugehören, aber Minderheit innerhalb einer Minderheit?
Vater erinnerte mich an seine erfolglos gebliebenen Versuche, Aufenthalts- oder Einreisegenehmigungen für die Niederlande, für Norwegen, Belgien, Großbritannien, Australien und viele andere Länder zu erwirken. In Amerika, habe er geglaubt, seien alle Einheimischen einmal fremd gewesen. Umso schneller werde der Fremde zum Einheimischen. Nicht sein Versagen sei Grund für die Abschiebung gewesen, erklärte er, sondern die widrigen Umstände, das Unverständnis der Bürokraten, die restriktive Einwanderungspolitik...
Ich schwieg und wartete auf das Ende der Belehrung. Vaters Argumente waren mir von unzähligen vergleichbaren Gesprächen bekannt. Während Vater sprach, sah er zu Boden, stellte seine Sätze schnell und mit lauter, aufgeregter Stimme in den Raum, so als müßte er seine Sicht der Wirklichkeit gegen einen imaginären Feind verteidigen. Mit einem Stofftaschentuch wischte er sich den Schweiß von der Stirn. (S. 250f.)

© 1999, Deuticke, Wien, München.
Publikation mit freundlicher Genehmigung des Verlags.





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