John Felstiner

Paul Celan.
Eine Biographie.
Deutsch von Holger Fliessbach.
München: Beck, 1997.
432 S., geb.; DM 68.-. ISBN 3-406-42285-3.

Im Unterschied zur neutralisierenden Titelgebung des deutschen Verlegers trägt Felstiners Buch im Original den Titel "Paul Celan: Poet, Survivor, Jew" (1995) und genau das ist für Thomas Blume ("Das Sonntagsblatt", 1. 8. 1997) auch sein Schwerpunkt: Eine Würdigung der Dichtung Paul Celans, zu lesen als "Protokoll einer dramatischen Existenz [...], die geprägt war von deutsch-jüdischer Identität und der Erfahrung des Holocaust." Blume hält Felstiners Band für eine Studie, deren Originalität und Stärke "im Aufspüren von Textzitaten aus der jüdischen Mystik und dem Chassidismus" liege.

Auch Jürgen Wallmann ("Die Welt", 26./27. 7. 1997) zählt Felstiners "höchst verdienstvolles Werk [...] unter den vielen Arbeiten zu Celan zu den nützlichsten, [...] weil sie immer ganz dicht am Werk bleibt und auf sprachliche Querverbindungen oder auf Realitätsbezüge hinweist, die bisher übersehen worden waren". Bis zur Öffnung des Nachlasses könne Felstiners Biografie als "vorläufig definitiv" gelten.

Lorenz Jäger hingegen attestiert der Studie in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" vom 25. 3. 1997 nur einen "begrenzten Nutzen": "Die Datierungen von Gedichten und Übersetzungen, in Beziehung gesetzt zu biographischen Zäsuren, sind zuverlässig: oft lassen sich zur gleichzeitigen Lektüre Celans, der das Studium von Fachterminologien der unterschiedlichen Wissenschaften betrieb, überraschende Parallelen herstellen." Zu bemängeln sei aber, daß es sich im Grunde um ein "Erbauungsbuch" handle: "An die Stelle der Gehalte tritt [...] die Moralisierung des Lesens. Immer neue Appelle zur Hingabe an die Dichtung sind zu einer wahren Poeto-Theologie versammelt." Die menschlichen Kontakte Celans hält Baumann für unrichtig dargestellt und ortet "Fälschung", "Retuschen" sowie ein "Zurechtbiegen von menschlichen Beziehungen" (etwa bei Martin Heidegger).

Rolf Michaelis ("Die Zeit", 16. 5. 1997) konzediert Felstiner ein ungeheures Wissen über Celans Judentum: "Man kann von Felstiner viel lernen, gerade über Celans Aufmerksamkeit für hebräische Sprache und Kultur, für jüdische Tradition und Besonderheiten eines immer verfolgten Volkes". Aber auch er kritisiert den "Missionarston" des Buches, "der zu der toleranten Weltäufigkeit Celans" wenig passe, und liest mit Bedenken Felstiners "abschätzige Äußerung" zum Verhältnis Celan - Adorno oder seine "skeptische Häme" zur Rezeption von Celans 'Todesfuge' in Deutschland.

Und Hermann Schlösser in der "Wiener Zeitung" (22. 8. 1997) bedauert das allzu düster entworfene Celan-Bild: "John Felstiner weiß von Übermut und Gesundheit nichts zu berichten. Er konzentriert sich auschließlich auf die Leidensspur, die sich aus schwerwiegendsten Gründen durch Celans Leben und Dichten zieht, und verschweigt alles, was außerdem noch zu diesem Dichter zu sagen wäre. (So kommt etwa nicht zu Sprache, daß Celan auch wunderbarste erotische Verse verfaßt hat.)"

Fazit: "trotz aller Einwände lesenswert" (Hermann Schlösser)





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