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| Ulrike Siebauer | |
| Leo Perutz - "Ich kenne alles. Alles, nur nicht mich". Eine Biographie. Gerlingen: Bleicher, 2000. 398 S., brosch.; öS 394.-. ISBN 3-88350-666-4.
Daß Leo Perutz lange Zeit einer breiteren Leserschicht weitgehend unbekannt blieb, mag verwundern. Noch
erstaunlicher ist allerdings, daß die literaturwissenschaftliche Forschung bislang auch eher zögernd auf den
Prager Autor reagiert hat. 1986 kam der Nachlaß von Perutz ins Deutsche Literaturarchiv nach Frankfurt, drei
Jahre danach machte eine Ausstellung samt dazugehörigem Katalog Teile dieses Nachlasses der
Öffentlichkeit erstmals zugängig. 1992 erschien dann ein schmaler Band über Perutz von Hans Müller in der
"Beck'schen Reihe Autoren". Zu "erzählen" gibt es über letzteres zur Genüge: Als Jugendlicher schmiß Perutz, dessen Familie 1901 von Prag nach Wien umgezogen war, nach einer verpatzten Matura die Schule einfach hin. Nach dem Ableisten des Militärdienstes inskribierte er dann als außerordentlicher Hörer Vorlesungen in Fächern wie Volkswirtschaftslehre sowie Versicherungsmathematik und landete schließlich als Versicherungsmathematiker bei der "Assicurazioni Generali" im fernen Triest. 1908 gelang es ihm, eine Stelle bei der Anker-Versicherung in Wien zu bekommen. Über die verbleibenden Jahre bis zum Ersten Weltkrieg schreibt Ulrike Siebauer: "Mit knapp 26 Jahren ist Leo Perutz da, wo er sein will. Er hat eine feste Anstellung, mit der er seinen Lebensunterhalt verdienen kann. Auf beruflichem und literarischem Gebiet zeichnen sich Erfolge ab, und er lebt in Wien, in der Stadt, mit der seine Lebenskraft untrennbar verbunden ist [...]." (S.56)
Der Krieg machte dieser glückliche Periode in Perutz' Leben ein jähes Ende. Doch dem Schriftsteller gelang
es, 1918 an die Vorkriegszeit anzuschließen. "Zehn glückliche Jahre" nennt die Biografin die Periode von
1918 bis 1928: Kurz nach dem Krieg heiratete Perutz die um 13 Jahre jüngere Ida Weil; ingesamt drei Kinder
sollten aus dieser Beziehung hervorgehen. Auch literarisch lief alles zur Zufriedenheit. Nachdem bereits der
erste, 1916 erschienen Roman "Die dritte Kugel" ein beachtlicher Erfolg gewesen war, konnte der Autor mit
Büchern wie dem "Marques de Bolibar" (1920) oder dem "Meister des jüngsten Gerichts" (1923) sein
Angestellten-Gehalt gehörig aufbessern. 1923 kündigte er bei der Versicherung und lebte fortan als freier
Schriftsteller (was ihm jedoch zahlreiche finanzielle Engpässe bescherte). Doch eine private Katastrophe warf Perutz aus der Bahn. Die Geburt des dritten Kindes überlebte seine gesundheitlich angeschlagene Frau nur um wenige Stunden. Die folgenden Jahre waren von Dauerdepression und zunehmender Isolation gekennzeichnet. 1935 heiratete Perutz wieder, mit der Machtübernahme der Nazis schwanden allerdings die Verdienstmöglichkeiten des Schriftstellers dramatisch. 1938 mußte er mit seiner Frau und seinen Kindern emigrieren. "Es blieb keine andere Möglichkeit als nach Palästina zu gehen, in eine andere Welt, abgeschnitten von allem, was ihm Lebenskraft gegeben hatte. [...] Niemand interessierte sich für seine Arbeit. Ruhm und Anerkennung waren mehr schmerzende Erinnerungen an seine frühere Existenz", resümiert Ulrike Siebauer (S. 293). Nur noch zwei Romane entstanden in den 19 Jahren des Exils: "Nachts unter der steinernen Brücke" und "Der Judas des Leonardo" - die Arbeit daran hatte Perutz allerdings schon vor der Vertreibung begonnen. Die Schilderung der Exilzeit zählt zu den besonders eindringlichen Passagen dieser Biografie. Aber auch sonst ist es der Autorin gelungen, ein aufschlußreiches Bild eines widersprüchlichen Künstlers zu zeichnen, der seine "Renaissance" als "Bestsellerautor" nicht mehr erleben durfte. Peter Stuiber |
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