Gertrud Fussenegger
Ich bin Ophelia. Ein Leben in Bildern
Gelesen von der Autorin
ISBN 3-89584-711-9
Spielzeit: 61 Min.
der hörverlag 2001

Gertrud Fussenegger ist eine Meisterin aller literarischer Formen, denen sie ihre Aufmerksamkeit schenkt. "Meisterin" nicht in dem Sinne, dass sie die gewählte Form auf die nur ihr eigene Frage zurückwirft, indem sie die Gattungsmerkmale in ihrer Bedeutung und ihrem Zusammenspiel bis zur Neige durchanalysiert; das ist einfach nicht ihr Ehrgeiz. Sie ist eine große Unzeitgemäße auch in dem Sinne, dass sie tatsächlich, wie von alters her die Binsenweisheiten künden, Inhalt in eine Form schüttet wie Wasser in eine Vase. Nix da Dekonstruktion, nix da "Experiment". Es gilt, eine Geschichte zu erzählen, oder drei Geschichten, und genau das tut Gertrud Fussenegger, mit genau soviel Aufwand, wie nötig ist, um zum Punkt zu kommen.
So verfährt sie auch, wie die Texte auf dieser CD eindrucksvoll beweisen, mit dem, was im Laufe unseres Jahrhunderts aus der guten alten Tante Novelle geworden ist.

"Ich bin Ophelia", der erste der zwei Texte des Hörbuches, ist eine Annäherung an den Hamlet-Stoff. Die fadenscheinigen Fragezeichen, mit denen der knappe Rahmen die Erzählung - man ist versucht zu sagen, pro forma - relativiert, haben weniger auf die Wucht des Vorgetragenen Auswirkung, als vielmehr auf die Detailaufmerksamkeit des Hörers (wie es dem Leser desselben Textes ergehen mag, kann ich nicht sagen): Eine alternde Schauspielerin, einst vor allem als "Ophelia" gefeiert, in einem Altersheim, erblindet, an der Schwelle zwischen Wahnsinn und Altersweisheit, empfängt Besuch und entspinnt aus diesem Anlass einen Monolog über sich (Ophelia) und Hamlet. Letztlich läuft ihre "ganz andere" Hamlet-Geschichte auf eine Auseinandersetzung zwischen Kunst und Leben hinaus, Aufzeichnung und Wirklichkeit, aber der Primat dieser Ebene des Textes erschließt sich erst anhand des zweiten auf der CD vertretenen Textes, "Ein Leben in Bildern".

Kurz und gut: Hamlets Vater ist nicht tot, sondern widerspricht nur seinem extremen Vater(und somit Königs-)ideal, das sich in der Zeit in Wittenberg in ihm verfestigt hat. Er ist "empört", nicht über bestimmte Zustände, sondern über Korruption und Hofschranzentum, die er überall wittert. Hamlet als Inkarnation des Typus des intellektuellen Caféhauskommunisten (zu dem sich der Verfasser zählt und sich solchermaßen nicht des Spottes schuldig macht), der zunächst einmal an Selbstverachtung krankt und deswegen Reden schwingend durchs Land zieht. Für die Spielgefährtin seiner Jugend (!), Ophelia, hat er nur noch - halbundhalb freundliche - Verachtung. Auf diesem Fundament errichtet Fussenegger bzw. ihre Erzählerin, die alte und fast wahnsinnige N.N., ein neues Helsingör, das dem gewohnten nur in den Namen der Schauplätze und Protagonisten gleicht, und, natürlich, im letztlichen Schicksal seiner Bewohner. Hier ist nicht der Platz, den Verlauf weiter zu schildern, die Vorwegnahme würde nur die geschickt aufgebaute Spannung und den unprätentiös gewobenen Symbolismus ruinieren, aus denen heraus der Text lebt und atmet.
An manchen Stellen verwirren sich wohlkalkuliert die Ebenen des Textes, wenn etwa die alternde Schauspielerin sich beklagt, dass "William" ihr, Ophelia, keinen Monolog geschrieben hätte, oder wenn sie aus der Perspektive einer handelnden Figur geradezu theatertheoretische Überlegungen über Hamlet anstellt, namentlich über die Notwendigkeit, den "Geist" ins Stück einzuführen, den es "in Wirklichkeit" "ja nie gegeben" habe.

Der zweite, wesentlich kürzere Text, "Ein Leben in Bildern", kommentiert "Ich bin Ophelia" wie schon gesagt, indem er auf eine bestimmte Ebene seiner Handlung stets verweist. Gemeint ist hier die des Unterschiedes zwischen Kunst und Leben. In beiden Texten ist der Ausgangs- und reflexiver Bezugspunkt der "Handlung" ein etwa vierjähriges Mädchen, und in beiden Fällen geht es darum, auf welche weisen die Wirklichkeit dem Ideal nicht standhält. Natürlich geschieht das Aufrollen dieses Themenkreises anhand der Kunst, im Falle der Ophelia-Geschichte durch das Einblenden der Figur "Williams", im Falle des autobiographischen "Ein Leben in Bildern" ist sie bereits das auch vordergründige Thema.
Daß "in der Kunst" Nacktheit erlaubt sei, ganz im Gegensatz zum Leben, das wird dem vierjährigen Mädchen am Anfang der Geschichte zum Anlaß umfangreicher Erwägungen, die durch den ganzen Prozeß ihres Erwachsenwerdens Fussenegger weiterverfolgt. Die Schlüssigkeit, mit der das geschieht, die Leichtigkeit, mit der von der Welt des vier- in die Welt des dreizehnjährigen Mädchens gesprungen wird, und die Klarheit, mit der Fussenegger den geschlossenen Kontext der Entwicklung vermittelt, weist sie als das aus, was sie ist: Ein Ausnahmetalent. Daß sie ein Ausnahmetalent mit braunen Flecken auf der Vita ist, macht es zwar erheblich schwieriger, sie als Person zu mögen - es geht hier um wesentlich mehr und qualitativ Anderes als nur "Image", insofern man auch bei der Lektüre kaum so über Fusseneggers Flirt mit den Nazis hinwegsehen kann, wie man etwa über die beliebige persönliche Attitüde eines beliebigen "Großen" hinwegsieht - aber dafür können ihre Texte nichts, genausowenig wie die Ezra Pounds oder Gottfried Benns. Gertrude Fussenegger mitsamt ihrer persönlichen Geschichte hat etwas zu sagen. Die deutschsprachige Literatur als solche und jeder einzelne Geschichtenerzähler für sich kann es sich schlicht und ergreifend nicht leisten, das aus politischen Gründen - wie überzeugend begründbar diese auch sein mögen - zu ignorieren.

Zurück zur vorliegenden Arbeit: Fusseneggers Lesestil verrät im besten Sinne den Profi. Sie lässt ihre Texte sprechen, überlädt sie nicht mit allerlei Stilmitteln des Vortrags, im Ophelia-Text versäumt sie es dabei jedoch weder, ihrer Erzählerin Charakter zu verleihen, noch, die verschiedenen Ebenen ihrer Einbildung voneinander abzugrenzen. Auch für Rezipienten, die die Texte kennen, wird die CD Erbauliches bieten, da sie die Chance erhalten, die Autorin bei der Entspinnung ihrer eigenen Lesart ihrer Produkte zu begleiten, ohne sie (die Lesart) auf Biegen und Brechen aufgedrängt zu bekommen. Wenn man unbedingt nach einem Haar in der Suppe suchen will, könnte (man beachte den Konjunktiv gut!) das kurze einleitende Musikstück und die seltsam deplazierte Sprecherstimme, die einen mit der Information "Sie hören: ,Ich bin Ophelia', von Gertrud Fussenegger, gelesen von der Autorin" ausstattet, als solches herangezogen werden. An den Haaren. Denn recht eigentlich verbreiten die paar Takte Musik und die nüchtern-baßlastige Männerstimme eine "Jetzt kommt Kunstgenuss"-Stimmung, wie sie so nur den früheren Tagen von Ö1 zueigen war.
Mehr gibt es nicht zu sagen. Alles Gute zum Geburtstag, liebe Meisterin, und danke, danke, danke.

Originalbeitrag

Stefan Schmitzer
24. April 2002





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