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| Raoul Hausmann | |
| Poèmes Phonétiques Complètes Es liest der Autor Tonkassette Spielzeit: 60 Min. ISBN 3-901317-15-5 Ohrbuch Verlag 2000
"bbg bbg bgg jjjj ji jj zzzuuuu oooooo O!" Zum Glück hat der in Wien geborene Raoul Hausmann, der zu einem der wichtigen Vertreter der Berliner Dada-Bewegung wurde, seine bahnbrechenden Lautgedichte, die ab 1918 entstanden sind, in den 50er und 60er Jahren auf Tonband aufgenommen (die Aufnahme ist Anfang der 70er Jahre beim S-Press-Verlag erschienen). Welche Kraft in diesen Gedichten steckt, hört man erst, wenn Hausmann sie vorträgt. Noch heute hinterlassen sie ein seltsames Gefühl der Verstörtheit. Die Laute klingen rauh, meist überwiegen Konsonanten, die Stimme ist gehetzt, tierartige Laute tauchen wie aus dem Unbewußten auf, wechseln schlagartig in wilden Gesang, der wie Peking Oper klingen kann, Holzstäbe diktieren den Takt. Erstaunlich, was Hausmann mit seiner Zunge anfangen kann, wie weit er dieses junge Genre schon damals ausgereizt hat (Vorläufer gab es bereits im deutschen Expressionismus, im italienischen Futurismus, auch im russischen "Laboratorium zur Befreiung der Sprache"). Wie virtuous und abrupt Hausmann die Stimmlage wechseln kann: kalkuliert dissonant klingt diese Aufnahme, wie Christopher Phillips es in seinem Essay "Im Chaos der Mundhöhle" in dem schönen Ausstellungskatalog "Der deutsche Spießer ärgert sich" ausführt: "Der Gesamteindruck ist zunächst schockierend, dann hypnotisierend; und dies um so mehr, als Hausmann in 'Cauchemar' davon absieht, die emotionalen Assoziationen der menschlichen Stimme zu verwerten. [...] Selbst dort, wo es am fremdartigsten klingt, bleibt 'Cauchemar' eine Komposition, die sich durch beeindruckende intellektuelle Distanz und Abstraktion auszeichnet". Phillips führt überzeugend aus, daß man Hausmanns Gedichte nicht als archaische Urlaute verstehen sollte. Denn obwohl sie "die konventionelle Sprache über Bord geworfen haben", besitzen sie durchaus einen Sinn: "Angesiedelt in einem stimmlichen Raum, der sich vom Feld der Sprache aggressiv abgrenzt, besetzen sie ein Territorium, in dem nicht der Unsinn herrscht, sondern ein stets irritierender Gegensinn. Auf diese Weise liefern sie einen Satz Vorschläge zur antinostalgischen, antiromantischen Sprachkritik, die Hausmann für ein Erfordernis des modernen Zeitalter hielt". Raoul Hausmann, neben Richard Huelsenbeck die repräsentativste Dada-Figur in Berlin, stets mit Monokel, ein begnadeter Bürgerschreck, hat die Urform für Kurt Schwitters später so berühmt gewordene "Ursonate" geschaffen, die als längste Lautpoesie-Dichtung gilt. Hausmanns Gedicht heißt "fmsbw", das berühmte "fümms bö wö" sieht man bereits im Titel. Schwitters hat übrigens immer betont, daß das Material für seine Komposition von seinem geschätzten Kollegen Hausmann stammt - was über die Jahre mittlerweile etwas untergegangen ist. Schwitters und Hausmann arbeiteten weiterhin gemeinsam an neuen Projekten, obwohl Hausmann durchaus Kritik an Schwitters "klassischer" Sonate übte: "Ich warf ihm lebhaft vor, daß er aus meiner Neuerung, die vier Teile umfaßte, eine 'Klassische' Sonate gemacht habe, was mir eine Blasphemie erschien, völlig entgegengesetzt dem Wesen der phonetischen Bedeutung der Buchstaben, die ich gewählt hatte." Der Philosph Roland Barthes hat über das "laute Schreiben" gesagt: "sein Ziel ist nicht die Klarheit der message, das Schauspiel der Emotionen; es sucht vielmehr [...] die Triebregungen, die mit Haut bedeckte Sprache, einen Text, bei dem man die Rauheit der Kehle, die Patina der Konsonanten, die Wonne der Vokale, eine ganze Stereophonie der Sinnlichkeit hören kann: die Verknüpfung von Körper und Sprache, nicht von Sinn und Sprache." Das trifft auch auf die Gedichte Hausmanns zu. Auch ohne viel Vorwissen wird man an dieser Aufnahme großes Vergnügen finden, weil sich diese Lust und radikale Sprachsinnlichkeit, die Barthes beschreibt, sehr körperlich vermittelt. Wie bissig Hausmann war, hört man etwa in dem "Interview avec Les Lettristes" von 1946, das auch eine Attacke gegen den Literaturbetrieb ist. Hausmann stellt ein Interview nach, es dominieren die "ähs", "ahs" und "ohs". Vor lauter Anbiederung und Angestrengtheit überschlägt sich die dünne Stimme des Interviewers. Man hört den begabten Spötter Hausmann, und will eigentlich gar nicht wissen, was in diesem Herren-Gespräch gerade so gutbürgerlich und betucht verhandelt wird. Originalbeitrag Karin Cerny |
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