Zum 10. Todestag von Thomas Bernhard
Der zehnte Todestag des österreichischen Schriftstellers Thomas Bernhard (1931-1989) am Freitag, den 12. Februar wird in Österreich von zahlreichen Medienberichten und Veranstaltungen begleitet. Ein Beitrag zum umstrittenen Autor mit aktuellen Informationen, Buchtips und Veranstaltungshinweisen.

Wer war Thomas Bernhard?

Wer war Thomas Bernhard? Ein großer Einsamer oder ein geselliger Eigenbrötler, ein Bauern- und Heimatdichter oder ein Bohemien und Großstadtflaneur, ein Pessimist oder ein Optimist, ein düsterer oder ein heiterer Autor? Wer Bernhard ist bzw. war, diese Frage haben Leser und Literaturwissenschaftler seit über drei Jahrzehnten immer wieder aufs Neue gestellt, ohne eine befriedigende Antwort zu finden.

Journalisten zeichneten das skurrile Bild eines wunderlichen Eremiten, der ungebetenen Besuchern seines festungsähnlichen Bauernhofes die Finger am Tor einquetschte. Politiker erklärten ihn zum Fall für die Wissenschaft - und nicht nur für die Literaturwissenschaft. Feministische Publizistinnen klagten an ihm das Paradebeispiel des frauenfeindlichen Patriarchen an. - Kaum ein anderer zeitgenössischer Schriftsteller hat so widersprüchliche Meinungen und so eklatante Fehlurteile provoziert wie Thomas Bernhard.

Als der "Frost" erschienen ist, hat man auf der einen Seite geschrieben, es ist das großartigste Buch, das es gibt, und auf der anderen, es ist ein Scheißdreck. Das hat mich immer begleitet. Das war nie anders.

Das meinte Thomas Bernhard im Jahr 1979 in einem Gespräch mit Andre Müller. Was bleibt, ist das Bild vom großen Unnahbaren, der kaum jemanden an sich heranließ. Wer sind also heute unsere Auskunftspersonen? Gleich nach Bernhards Tod vor 10 Jahren meldete sich sein Nachbar und langjähriger Freund - der Grundstücksmakler Karl Hennetmaier zu Wort. Hennetmair hat seine Tagebücher und seinen Briefwechsel mit Thomas Bernhard veröffentlicht, selbsternannte und tatsächliche Freunde haben ihre Erinnerungen schriftlich deponiert. Journalisten, Politiker, Schauspieler und Dichterkollegen wurden zu Bernhard befragt - die Antworten füllen mittlerweile mehre Bände.

Neue Bücher zu Thomas Bernhard:

Heute, zehn Jahre nach Bernhards Tod, hat sich die Aufregung vergangener Jahre gelegt - nachlesbar ist das in einigen Publikationen, die jetzt zum 10. Todestag Thomas Bernhards erschienen sind. Da meldet sich neben vielen anderen auch einer, der selbst Spuren im Bernhard'schen Werk hinterlassen hat, zu Wort:

  • Ich hatte mich einem wenn auch schon ungefähr zehn Jahre älteren, so doch noch sehr jungen Mann angeschlossen, den ich zum erstenmal in der Kapelle gesehen hatte, er war hinter dem Harmonium, das dort stand, gesessen und hatte etwas über Johann Sebastian Bach phantasiert, allein. Er war Kapellmeister von Beruf und von den geistlichen Schwestern dazu ausersehen, ihre täglichen Messen auf dem Harmonium zu begleiten, ich fand sein Spiel außergewöhnlich, es hatte mich sofort angezogen gehabt. (...) Zuerst hatte ich mich nicht getraut, den Mann anzusprechen, aber dann hatte ich mir Mut gemacht und mich vorstellt. So hatte eine bis heute andauernde Freundschaft begonnen, eine Zeugenfreundschaft wie keine zweite.
    Die Zeugenfreundschaft, von der Thomas Bernhard in seiner autobiografischen Prosa "Die Kälte" schreibt, verband ihn mit dem Salzburger Pianisten Rudolf Brändle. Und Zeugenfreundschaft heißt auch der Erinnerungsband, den Brändle jetzt im Residenz-Verlag herausgebracht hat. Er erzählt von Bernhards Verzweiflung in der Lungenheilstätte, wo die beiden aufeinandertrafen, von Bernhards erster Begegnung mit Hedwig Stavianicek, seinem späteren "Lebensmenschen", von den ersten dichterischen Versuchen und den erfolglosen Anläufen zu einer Sängerkarriere, vom künstlerischen Durchbruch und der Befreiung, die damit einsetzte.

  • Grafenhof, der Ausgangspunkt von Brändles Erinnerungen ist zugleich die Endstation einer fotografischen Recherche: Erika Schmied hat für den Band Thomas Bernhards Welt die Schauplätze von Thomas Bernhards Kindheit und Jugend aufgesucht: die scheinbare Idylle von Henndorf und Seekirchen, das ungeliebte Traunstein, die Schreckenszeit im Salzburger Internat, das Salzburger Landeskrankenhaus, das Erholungsheim für Lungenkranke in Großgmain und schließlich die Lungenheilstätte Grafenhof bei St. Veit im Pongau. Erika Schmieds Fotos legen Antworten nahe - Antworten auf die Frage, wie weit die Orte und Landschaften das Wesen und die Literatur Thomas Bernhards bestimmt haben. Auf der Basis dieser Bilder lassen sich Fiktionalität und Authentizität der Bernhardschen Schilderungen neu definieren.

  • Jenseits der biografischen Fährten und Spurensuche versucht Alexander Honold "Eine Einschärfung" - in einem Band mit Essays, Fotos und Interpretationen, mit Gesprächen mit Schauspielern wie Marianne Hoppe, Ilse Ritter oder Walter Schmidinger und mit kurzen, oft kritischen Stellungnahmen von Elfriede Jelinek, Eckart Henscheid oder Marcel Reich-Ranicki.

  • Der Wiener Philosophieprofessor und Publizist Alfred Pfabigan spürt in seinem soeben bei Zsolnay erschienenen Band "Thomas Bernhard. Ein österreichisches Weltexperiment" die inneren Zusammenhänge der Prosa auf. Nach jahrelanger intensiver Lektüre will er Bernhards Welt als ganze sichbar machen: die Gesetze, denen seine Figuren unterliegen, ihre Konflikte und Krisen, aber auch die Entwicklungen, die sie im Lauf der Werkgeschichte durchmachen.

  • Bemerkenswert schließlich ist Andre Müllers "Gespräch mit Thomas Bernhard" - soeben in einem Sammelband mit 10 weiteren Schriftstellerinterviews jetzt auch bei dtv erschienen. Wer Bernhard im O-Ton lesen will, dem seien diese Seiten ans Herz gelegt:
    Es stimmt ja immer zugleich alles und nichts, so wie ja auch jede Sache gleichzeitig schön und schiach ist, tot und lebendig, geschmackvoll und geschmacklos. Es kommt nur darauf an, wofür man gerade am empfänglichsten ist. Einen großen Reiz hat praktisch alles. Mein Standpunkt ist die Gleichwertigkeit aller Dinge. Auch der Tod ist für mich nicht außergewöhnlich. Ich red' ja über den Tod wie ein anderer über a Semmel.
    Wie auch immer - nach der Lektüre des Andre Müllerschen Interviews lassen sich manche der eingangs gestellten Fragen möglicherweise beantworten - jenseits aller Eindeutigkeit, naturgemäß. Zur Erinnerung: Wer war Thomas Bernhard? Ein großer Einsamer oder nur ein geselliger Eigenbrötler, ein Bauern- und Heimatdichter oder ein Bohemien und Großstadtflaneur, ein Pessimist oder ein Optimist, ein düsterer oder ein heiterer Autor?

  • Ein weiterer Band zum Thema Thomas Bernhard untersucht das Thomas-Bernhard-Klischee ausgehend von den Lebensfakten, die zum Teil bis in die literarischen Werke hinein verfolgt werden. Suitbert Oberreiters Buch "Lebensinszenierung und kalkulierte Kompromißlosigkeit. Zur Relevanz der Lebenswelt im Werk Thomas Bernhards" vermittelt eine durchwegs positive Sichtweise auf den Dichter und vermeidet die gängige Darstellung Bernhards als Außenseiter.

  • Ergänzend finden Sie in unserem Online-Buchmagazin noch folgende Fachbuchrezensionen zum Thema Thomas Bernhard:
    Josef Donnenberg: Thomas Bernhard (und Österreich). Studien zu Werk und Wirkung 1970 - 1989. Stuttgart: Heinz, 1997.
    Johannes Frederik G. Podszun: Untersuchungen zum Prosawerk Thomas Bernhards. Frankfurt/M. u. a.: Lang, 1998. (Gießener Arbeiten zur Neueren Deutschen Literatur und Literaturwissenschaft Bd. 20)
    Wendelin Schmidt-Dengler, Adrian Stevens, Fred Wagner (Hrsg.): Thomas Bernhard. Beiträge zur Fiktion der Postmoderne. Frankfurt/M., Berlin, Bern, Wien u. a.: Lang, 1997.

Tag der offenen Tür in der Bernhard-Stiftung

Die lange heftig umfehdete, im vergangenen Sommer gegründete Thomas Bernhard-Stiftung macht eines möglich: Thomas Bernhards Stücke dürfen in Österreich neu inszeniert werden, der Nachlaß wird durchforscht, mögliche Neuerscheinungen sind kein juristisches Unding mehr. Zum zehnten Todestag des Dichters lädt die Thomas Bernhard-Stiftung in der Wiener Blutgasse am Freitag von 10 bis 14 Uhr zu einem Tag der offenen Tür.

Information: Thomas Bernhard-Privatstiftung, A-1010 Wien, Blutgasse 3/2, Tel 513 05 22, Öffnungszeiten Montag bis Freitag von 10 bis 13 Uhr.

Veranstaltungstips:

  • bernhard.chaos.bräunerhof
    Der Fotograf Sepp Dreissinger organisiert am 11. Februar eine spektakuläre Sprachinstallationin in drei Sätzen, bei der jeder Bernhard-Leser eingeladen ist, seine Lieblingstextstelle als Wortspende vorzutragen.
    Cafe Bräunerhof (1010 Wien, Stallburggasse 2), Beginn: 21.00 Uhr.

  • Thomas Bernhard. Der "Heimatdichter"
    Die Gesellschaft für interdisziplinäre Erkundungen organisiert zwischen 11. Februar und 26. März eine Veranstaltungreihe mit Lesungen, Vorträgen und einer Fotoausstellung. Die Veranstaltungen finden an verschiedenen Bernhard-spezifischen Orten wie etwa dem Hotel Ambassador, dem Kunsthistorischen Museum oder dem Cafe Bräunerhof statt - mit Teilnehmern wie Hermann Beil, Günter Nenning oder Konrad Paul Liessmann.
    Nähere Informationen unter Tel. (01) 470 45 78.

  • Bernhard-Matinee mit Wolfgang Gasser
    Wolfgang Gasser, Professor Schuster aus "Heldenplatz", liest aus Bernhards letztem Roman "Auslöschung".
    14. Februar, Großer Sendesaal des RadioKulturhauses, 1040 Wien, Argentinierstr. 30a, Beginn: 11.00 Uhr.

  • Bernhards "Beton" im Stadttheater Gmunden
    Zum zehnten Todestag Bernhards und dem fünzigsten seines Großvaters Johannes Freumbichler wird am Freitag, dem 12. Februar 1999 im Gmundner Stadttheater eine Bernhard-Dokumentation eröffnet, am Abend gibt es eine szenische Lesung aus Bernhards "Beton" mit Peter Fitz in der Regie von Hermann Beil. (Am Freitag geschlossene Veranstaltung, am Samstag Wiederholung mit freiem Verkauf)

  • Bernhard und Freumbichler - Ausstellung in Ohlsdorf
    Am Freitag, 12. Februar wird in Thomas Bernhards ehemaligem Wohnsitz in Ohlsdorf eine Ausstellung eröffnet, die sich mit der Beziehung des Autors zu seinem Großvater Johannes Freumbichler auseinandersetzt. Die von Manfred Mittermayr (Uni Salzburg) gestaltete Schau bleibt bis September in Ohlsdorf und wird dann noch in Linz und Salzburg gezeigt. Als Begleitbuch erscheint ein "Rampe"-Sonderheft mit germanistischen Beiträgen und vielen bisher unveröffentlichten Fotos.

  • Thomas Bernhard im Radio - Programm Österreich 1

    Alfred Pfabigan über Thomas Bernhard. "Im Gespräch", 11.2., 21.01 Uhr ("Da capo", 12.2., 15.05 Uhr). Ein neues Bild des Dichters Thomas Bernhard. Peter Huemer spricht mit Alfred Pfabigan, dem Autor des Buches "Thomas Bernhard. Ein österreichisches Weltexperiment" (Zsolnay Verlag).

    Eine zweistündige Spezialausgabe zur Person Thomas Bernhard: "Was reden die Leute". Österreich 1 extra, 13.2., 22.05 Uhr. Darin geht es um wichtige Aspekte von Thomas Bernhards Arbeit: seinen Theaterbegriff, seinen Schreibrhythmus, sein Bild im Spiegel der Zeitgenossen.

    Wolfgang Gasser liest aus "Auslöschung". 27.2., 22.05 Uhr (Mitschnitt der Bernhard-Matinee am 14.2. im RadioKulturhaus.





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