Umstrittene Handke-Uraufführung am Mittwoch an der Burg
Einem umstrittenen Stück eines derzeit ebenso umstrittenen Autors gilt die letzte Premiere des scheidenden Burgtheater-Direktors Claus Peymann. Diesen Mittwoch (9. Juni 1999) wird er Peter Handkes "Die Fahrt im Einbaum oder Das Stück zum Film vom Krieg" an der Burg aus der Taufe heben.

Das jüngste Bühnenwerk des in Frankreich lebenden österreichischen Dichters sorgte nicht zuletzt wegen der Äußerungen seines Verfassers zu Serbien und zum Konflikt am Balkan schon vor der Veröffentlichung vor einigen Wochen für heftige Diskussionen und teilweise sehr harschen Kritiken. Wie angreifbar "Die Fahrt im Einbaum" auch sein möge, auf jeden Fall sei es "das einzige vorliegende Stück, das es unternimmt, das Drama auf dem Balkan fürs Theater greifbar zu machen", schrieb die Zeitschrift "Theater heute" in ihrer Juni-Ausgabe.

Für Peymann ist es eine "Art Winternachtstraum" und "vielleicht die erste Tragödie, die Handke geschrieben hat", die eine "Aufhellung in dieser Balkannacht" und "einen Moment der wirklichen Erkenntnis über das Entstehen von Krieg in Menschen und Regionen" bringen könne. Der Burg-Chef wies auch darauf hin, daß "Die Fahrt im Einbaum" vor Ausbruch des Kosovo-Konflikts geschrieben wurde. "Es wäre schade, wenn die Tagespolemik und die Propagandamaschinerie den Blick auf das Stück verstellen würde. Es ist kein Stück zum Kosovo-Krieg, und es handelt sich auch nicht um einen Leitartikel zur 55. Bombennacht in Serbien. Das Stück spielt im Jahr 2005 nach einem großen Krieg und versucht, in die Seelen der Menschen zu schauen, die ihre Schuld suchen." Das Stück sei "ein komplexes, sehr vielschichtiges Gebilde aller möglichen, einander unentwegt auch widersprechenden Positionen".

Schauplatz ist ein großes Provinzhotel am Balkan. "Etwa ein Jahrzehnt nach dem vorläufig letzten großen Krieg" casten dort die beiden Regisseure John O'Hara und Luis Machado unter den Einwohnern Darsteller für einen geplanten gemeinsamen Film über den zurückliegenden Krieg. Bei den Regisseuren soll Handke berühmte Vorbilder gehabt haben - für den Amerikaner O'Hara John Ford und für den Spanier Machado Luis Bunuel. In Peymanns Uraufführung werden die beiden von Martin Schwab und Robert Hunger-Bühler gespielt. Unter den weiteren Darstellern sind Handkes Frau, die französische Schauspielerin Sophie Semin, sowie die Burgschauspieler Johann Adam Oest, Ernst Stötzner, Bernd Birkhahn, Peter Fitz, Therese Affolter, Urs Hefti und Steffen Schroeder.

Die Zukunft der Inszenierung ist ungewiß. Für das Berliner Ensemble, Peymanns künftige Wirkungsstätte, ist Karl-Ernst Herrmanns aufwendiges Bühnenbild zu groß. Und obwohl Peymann versicherte, daß der künftige Burg-Chef Klaus Bachler interessiert sei, die Inszenierung in seiner Direktionszeit zu zeigen, könnte es bei der Disposition mancher Schauspieler Schwierigkeiten geben. Denn Robert Hunger-Bühler und Johann Adam Oest werden bei Peter Steins monumentalem für nächstes Jahr geplanten "Faust"-Projekt mitwirken.

Premiere: 9. Juni, 19.00 Uhr; weitere Vorstellungen 10., 11., 12., 16., 17., 21., 22., 23., 26. und 27. Juni

In unserem Online-Buchmagazin finden Sie Rezensionen - mit angeschlossener Biografie und Bibliografie - zu folgenden Werken Peter Handkes:
In einer dunklen Nacht ging ich aus meinem stillen Haus
Am Felsfenster morgens





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