NACHRUF
Ein Sprachschöpfer, wie kein zweiter

"Ein Sprachschöpfer, wie kein zweiter", jeder Autor und jede Autorin kann dieses Prädikat für sich in Anspruch nehmen, aber für niemanden gilt es so sehr wie für H. C. Artmann. Wir sind tief betroffen vom Tod H. C. Artmanns, dem wir so unendlich viel an eigenen literarischen Arbeiten und an Motivation zur literarischen Arbeit von uns allen zu verdanken haben.

Vor rund 45 Jahren ist von H. C. Artmann zum ersten Mal ein biographisch selbständiges Werk erschienen. 1957 wurde sein erstes Hörspiel, "interior fotografico", im WDR gesendet, 1958 folgte sein erstes Buch, "med ana schwoazzn dintn" im Salzburger Otto Müller Verlag. In den darauffolgenden 17 Jahren wurden 36 Bücher, 8 Tonträger und 31 von H. C. Artmann übersetzte Werke in Erstausgaben veröffentlicht, 6 Stücke uraufgeführt und sind 7 Hörspiele und 2 Filme entstanden.

1974 hat H. C. Artmann nach diesen 17 Jahren mit dem Großen österreichischen Staatspreis für Literatur die höchste Auszeichnung der Republik Österreich erhalten: 100.000 Schilling oder ein Zubrot von exakt 1.111.- Schilling und 11 Groschen für jedes seiner 90 bis dahin veröffentlichten Werke oder rund 5.880,- Schilling für jedes seiner 17 Schaffensjahre. Rund noch einmal so viele Werke sind in den nächsten 25 Jahren entstanden, ohne daß die Republik Österreich eine weitere höchste Auszeichnung für den Lyriker, Dramatiker, Prosaschriftsteller, Übersetzer und Begründer der neuen Dialektdichtung in Österreich H. C. Artmann zur Verfügung gehabt hätte.

Insgesamt besteht das Werk H. C. Artmanns aus rund 200 Erstveröffentlichungen in Buchform, auf Tonträgern, für die Bühne, für den Hörfunk und den Film.

Die Verlage für seine über 100 eigenen Bücher und über 50 Nachdichtungen waren u. a. Suhrkamp, Luchterhand, Piper, Volk & Welt, Artemis oder Diogenes in Deutschland und der Schweiz und die Verlage Jugend & Volk, der Brandstätter Verlag, der Otto Müller Verlag, der Europa Verlag und der Verlag, in dem die meisten seiner Bücher bisher erschienen sind, der Salzburger Residenz Verlag in Österreich. H. C. Artmann hat Moliere übersetzt, Goldoni, ebenso wie Ashford und Strindberg, hat sich mit den "Religiösen Dichtungen der Kelten" oder "Jiddischen Sprichwörtern" beschäftigt, hat Bellmann "singbar verdeutscht", Villon in den Wiener Dialekt übertragen und "hochdeutsch rückübersetzt", sich der "böhmischen Sprache" bedient, der "persischen qvatrainen", der "Überlieferungen und Mythen Lapplands", der Burenwurst, Frankensteins oder des transsylvanischen Fürsten Dracula, des Yukatekischen, "kleiner Taschenkunststücke" oder dessen "was sich im Fernen abspielt" - wie ein weiterer seiner Titel heißt - genauso wie des nächstliegenden.

Die beiden Verlage mit den meisten Bühnen-Übersetzungen H. C. Artmanns sind der Thomas Sessler Verlag und die Universal Edition in Wien. Seine zahlreichen bibliophilen und illustrierten Ausgaben sind bei "Der Kulterer", in der Gulliver Presse, in den Rixdorfer Drucken und bei vielen anderen in den 60er Jahren und zuletzt bei Thanhäuser in Österreich und Rainer und Renner in Deutschland erschienen.

Was Österreich, die Kunst, das Theater und die Literatur H. C. Artmann verdanken, ist ein "Prahlen des Urwaldes im Dschungel", das H. C. Artmann heißt.

Wir haben uns nach den Angriffen auf diesen größten unserer Dichter Mitte der 90er Jahre durch die Freiheitlichen vehement für die Verleihung der Wiener Ehrenbürgerschaft an H. C. Artmann eingesetzt. Sie wurde ihm nicht gewährt. Wir glauben noch immer, über seinen Tod hinaus, daß sie niemand so sehr verdient hätte wie H. C. Artmann. Wir erwarten, daß diejenigen, die ihn damals angegriffen haben, in Demut schweigen und wir erwarten, daß H. C. Artmann mit allen Würden, zu der die Republik Österreich und insbesondere die Bundeshauptstadt Wien in der Lage ist, zu Grabe getragen werden kann.

Gerhard Ruiss
IG Autorinnen Autoren
Wien, 5.12.2000





Schwarz/Weiss
Weiße Schrift auf weißem Grund beim Ausdrucken? Klicken Sie hier ---^